Die Fremde

Persönlich

Die Fremde

von Oula Mahfouz

 

Haben Sie es erlebt, Ihr Land wegen eines Krieges zu verlassen? Um dann in einem Land zu leben, wo alles fremd ist: die Bräuche und Traditionen, die Ordnung und Sprache. Manchmal fragte ich mich, was schlimmer ist: unter Raketenbeschuss zu sterben oder in einem Land zu leben, wo man jeden Tag mit Diskriminierung konfrontiert ist. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Menschen, die einen unterstützen und dir immer wieder neue Hoffnung geben. Ich werde Ihnen einige Situationen schildern, denen ich in Deutschland begegnet bin. Die schlechten und die guten Erlebnisse, die ich nicht vergessen konnte.

Bei unserer Einreise nach Deutschland waren die ersten Leute, mit denen ich gesprochen habe, deutschen Polizisten. Sie haben die Angst unserer Kinder bemerkt, für die alles was eine militärisch Uniform trug gefährlich war. Wie sie uns in dieser Situation mit Freundlichkeit und Menschlichkeit begegnet sind, das werde ich nicht vergessen.

Eine der Situationen, die ich ebenfalls nicht vergessen werde, ist die humanitäre Behandlung, die uns von den Menschen der Helferkreise entgegengebracht wurde. Sie haben uns viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt und begonnen, uns in Deutsch zu unterrichten. Und sie haben uns geholfen, die hiesige Lebensweise zu verstehen. Ich danke allen Freiwilligen von ganzem Herzen.

Es gibt Situationen, die ich „lustiges Weinen“ nenne, Situationen also, bei denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. So saß ich einmal im Zug neben einen Mann, der mich ängstlich ansah und dann sagte: „Ich habe überhaupt keine Angst vor Frauen, die den Hidschab (Kopftuch) tragen.“ Ich lächelte ihn an und dankte ihm.

Es gibt allerdings auch negative Erlebnisse, die eine tiefe Spur in meinem Herzen hinterlassen und sich in meine Gedanken eingeprägt haben. Ich fuhr mit einer freiwilligen Helferin in einem stark überfüllten Bus. Wir mussten stehen, da es keine freien Plätze gab. Der Fahrer musste plötzlich bremsen, so dass ich beinahe stürzte. Dabei stieß ich an die Schulter einer Frau. Sie fing an zu schreien und beschimpfte mich mit Worten, die ich nicht verstand. Ich entschuldigte ich mich wieder und wieder auf Englisch, aber sie schrie immer weiter. Die anderen Menschen im Bus haben keinerlei Reaktion gezeigt. Den verachtungsvollen Blick und die Schreie werde ich nicht vergessen.

In einer weiteren unbegreiflichen Situation war ich, als ein Mann mich auf offener Straße auf die Schulter schlug und mich wegen meines Kopftuches beleidigte. Ich war in dieser Situation vollkommen schockiert und konnte nichts sagen und nichts machen. Ich wurde noch nie in meinem Leben geschlagen.

Sobald wir eine Aufenthaltserlaubnis bekamen, mussten wir von der Anschlussunterbringung in einer Privatwohnung umziehen. Es war sehr schwierig, jemanden zu finden, der sein Haus an Geflüchtete vermieten wollte. Die Freiwilligen unterstützen uns bei der Wohnungssuche. Dann fanden sie für uns tatsächlich eine schöne Wohnung und überzeugten den Besitzer, sie an uns zu vermieten – trotz der Einwände der Nachbarn. Die kannten uns nicht, aber waren prinzipiell dagegen, dass Geflüchtete in ihrem Dorf wohnten.

Drei Jahre lebten wir in diesem Haus ohne Probleme. Aus persönlichen Gründen mussten wir jedoch aus dieser Wohnung ausziehen. Wir begannen die Suche nach einem neuen Zuhause. Diese „Reise“ dauerte dieses Mal mehr als ein Jahr. Dabei gab es viele schmerzhafte Situationen. Ein potentieller Vermieter sagte am Telefon: „Ich brenne eher meine Wohnung nieder, als dass ich sie an Flüchtlinge vermiete.“ Drei Tage lang konnte ich nichts Anderes tun, als weinen. Mit der Eigentümerin eines Hauses hatte ich am Telefon einen Termin zur Besichtigung ausgemacht. Sie wusste daher aufgrund meines Namens, dass ich Ausländerin bin. Sie öffnete die Tür, sah mich und schlug mir die Tür ohne ein Wort zu sagen vor der Nase zu. Auf der anderen Seite war ich vom Angebot einer Freundin überwältigt, die für die Mehrkosten eines zu teuren Hauses monatlich aufkommen wollte.

Wir leben nun seit fünf Jahren in Deutschland. Immer wieder erleben wir solche Situationen. Es ist oft ein Wechselbad der Gefühle. Stark macht mich, dass ich als Redakteurin und Übersetzerin für das Medienprojekt tünews INTERNATIONAL arbeite und Arabisch am FSZ in der Universität Tübingen unterrichte. Dabei erfahre ich viel Wertschätzung in der Zusammenarbeit mit den KollegInnen. Außerdem gehen meine drei Mädchen auf ein Gymnasium und das gibt mir Hoffnung und macht mich stolz.

Ich wünsche mir manchmal ein dickeres Fell, damit mich verachtungsvolle Blicke und negative Äußerungen nicht mehr so verletzten. Ich möchte als „normaler“ Mensch wahrgenommen werden. Und so akzeptiert zu werden, wie ich bin, und nicht nach einem Tuch beurteilt zu werden, dass ich auf meinen Kopf gelegt habe. Meine Wünsche und Hoffnungen unterscheiden sich nicht von allen anderen. Ich wünsche mir ein friedvolles, selbständiges Leben mit Freude für meine Angehörigen und mich.

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