Editorial: Der Krieg in der Ukraine und wir

Von Wolfgang Sannwald

Seit 2014 gibt es Krieg in der Ukraine. Ende Februar 2022 hat Russland diesen Krieg durch einen Großangriff eskaliert. Mehrere Hunderttausend Menschen flüchten von dort, vor allem in Richtung der Europäischen Union (EU). In der Redaktion von tünews INTERNATIONAL arbeiten viele KollegInnen mit, die seit 2015 selbst nach Deutschland geflohen sind, unter anderem aus Syrien und Afghanistan. Informationen zum Krieg in der Ukraine treffen sie in besonderer Weise. Und diese Informationen strömen nicht nur über Fernsehsendungen, sondern rund um die Uhr über Soziale Medien auf sie ein. Vor allem Bilder und Töne erwecken in ihnen und ihren Kindern Erinnerungen an eigene Erlebnisse. „Das zusammen, die Bilder von Flugzeugen, die Bomben werfen, und schreiende Kinder“, erschüttern tief. Zerstörungen von Bomben in den Städten erinnerten ein Redaktionsmitglied und ihren Sohn an Damaskus, als eine Bombe in ihre Garage einschlug und das Auto explodierte. Eine andere dachte an den Bombentreffer in ihrem Haus, der ihren Mann schwer verletzte. Beides haben sie und die Kinder jetzt wieder vor Augen. Sie verboten ihren Kindern zwar, Videos anzuschauen. Die bekamen aber so viel mit, dass sie fragten: „Kommt der Krieg, vor dem wir geflohen sind, jetzt hierher, wo wir jetzt leben?“ Ein Schüler, der in Syrien geboren ist, wollte aus Angst und Panik vor einem Krieg nicht mehr zur Schule gehen. Ein anderer fragte seine Mutter danach, wer ihnen hier hilft: „In Syrien hatten wir Familie und Großeltern, hier sind wir alleine. Wohin sollen wir gehen, wenn der Krieg herkommt?“ Er suchte auf der Landkarte eine abgelegene Insel für sich und seine Mutter, um dorthin zu fliehen.

Gleichzeitig fühlen viele ehemals Geflüchtete mit den Hunderttausenden, die jetzt aus der Ukraine kommen: „Es tut mir wirklich leid, denn ich weiß, wie schlimm es ist, sein Land zu verlieren und woanders leben zu müssen.“ Oder „Es ist so schwer, von vorne zu starten nach der Flucht.“ Ein Redaktionsmitglied aus Afghanistan denkt unter anderem an die etwa 20.000 Geflüchteten von dort, die seit etwa 20 Jahren in der Ukraine leben und sich eingerichtet haben: „Müssen sie jetzt noch einmal fliehen?“

Die gesamte Redaktion teilt ein Gefühl der Ohnmacht gegen Staaten und einzelne Politiker, die anderen Gewalt aufzwingen, vor allem kleineren Staaten. „Stell dir vor, wie schlimm das für Menschen in Syrien war, was Putin durch Bombenangriffe dort angerichtet hat, und niemand hat ihn gestoppt!“

Redaktionsmitglieder, die in Deutschland aufgewachsen sind, haben keine vergleichbaren persönlichen Kriegserfahrungen. Viele von ihnen sind im Zeichen des „Kalten Krieges“ aber auch der Friedensbewegung und militärischen Abrüstung in Europa aufgewachsen. Wer in den 1960-er bis 1980-er Jahren hier aufgewachsen ist, hatte ein Bewusstsein von diesem „Kalten Krieg“. Damals hatten die Sowjetunion mit ihren Verbündeten im Warschauer Pakt und die USA mit ihren Verbündeten in der NATO noch mehr Panzer und Flugzeuge, aber auch mehr Atomraketen als heute gegeneinander gerichtet. Deutschland war geteilt in die Bundesrepublik (BRD), die zur NATO gehörte, und die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die zum Warschauer Pakt gehörte. Generationen in Deutschland wuchsen in dem Bewusstsein auf, dass ein atomarer Krieg drohte und dieser vor allem in Mitteleuropa geführt werden könnte. Heute ist bekannt, dass das westliche Militärbündnis NATO plante, bei einem massiven Angriff des Warschauer Paktes viele Atomwaffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik zu zünden. Die Friedensbewegung und die militärische Abrüstung entlasteten ein Stück weit von dieser Kriegsangst. Und jetzt? Muss ein Staat doch militärisch stark sein, um sich selbst und die Menschen in ihm schützen zu können?

Neben den Kriegsbildern stehen die Bilder von Geflüchteten, die in Deutschland ankommen. Sie gleichen den Bildern von 2015. Nachdem die deutsche Regierung damals „Wir schaffen das“ sagte und mehr als eine Million Geflüchtete einreisen ließ, verhielt sich die Gesellschaft weit überwiegend solidarisch. Die deutsche und europäische Gesellschaft lernten damals, viele Geflüchtete unterzubringen, zu versorgen und zu ihrer Integration beizutragen. Diese Hilfsstrukturen, von Notunterkünften bis hin zur Betreuung Geflüchteter, sind da und können wieder genutzt werden. Es gibt Erfahrungen mit der Integration Geflüchteter, die Hoffnung geben. tünews INTERNATIONAL ist selbst als Hilfsstruktur entstanden. Viele Themen, die Geflüchtete wissen müssen, haben wir seit 2015 recherchiert und in alltagspraktischen News veröffentlicht. Und das nicht nur auf Deutsch, sondern auch in den Sprachen der Herkunftsländer. Wenn der Bedarf entsteht, können wir auch einen Sprachkanal in ukrainischer Sprache einrichten.

Weitere News zur Ukraine: www.tuenews-ukraine.eu

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Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in der Ukraine an der Stiftskirche in Tübingen. Foto: tünews INTERNATIONAL / Wolfgang Sannwald.

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