Europa war eine Prinzessin aus dem Orient – Münzen zeigen es uns

Von Stefan Krmnicek
Am 9. Mai 1950 schlug der damalige französische Außenminister Robert Schuman in einer Regierungserklärung eine Zusammenlegung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlproduktion vor. Diese später als Schuman-Erklärung bekanntgewordene Pariser Rede gilt als politische Initialzündung und struktureller Grundstein für die Einrichtung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, aus der sich die heutige Europäischen Union entwickelte. Seit 1986 wird diesem Ereignis am 9. Mai als Europatag der Europäischen Union durch Veranstaltungen und Festlichkeiten gedacht. Zum Anlass dieses Tages sollen die Wurzeln von Europa genauer beleuchtet werden.
Der Name Europa geht auf die in der griechischen Mythologie bekannte Tochter des phönizischen Königs Agenor zurück, in die sich – so der Mythos – der Göttervater Zeus verliebt hatte. Um in seinem Liebeswerben nicht von seiner misstrauischen Gattin Hera ertappt zu werden, verwandelte sich Zeus in einen besonders schönen Stier, um sich der am Strand spielenden Europa gefahrlos zu nähern. Auf seinem Rücken entführte er kurzerhand Europa und schwamm mit ihr über das Meer auf die Insel Kreta, wo er sich ihr offenbarte. Der Sage nach wurde in Folge der fremde Erdteil nach der schönen Königstochter benannt.Nicht nur auf unseren modernen 2-Euro-Münzen Griechenlands ist der Mythos in der Gestalt von Europa auf dem Stier dargestellt – bereits in der antiken Münzprägung finden wir dieses Motiv. Zwei gut erhaltene, seit 1888 in der Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen aufbewahrte Bronzemünzen aus dem antiken Sidon, Saida im heutigen Libanon, illustrieren den Mythos besonders anschaulich. Dass das Sagenmotiv auf Münzen aus dem römischen Syrien erscheint, soll uns nicht weiter verwundern – ganz im Gegenteil: Aufgrund Europas mythischer Herkunft aus dem phönizischen Königshaus bot sich die Geschichte als besonders geeignet an, um in der lokalen Münzprägung dargestellt zu werden.

Münze aus Sidon mit dem Porträt von Elagabal und der Darstellung von Europa auf dem Stier, Tübingen Inv. II 1545/95 (https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?id=ID10754). Foto: Stefan Krmnicek.

Die beiden Münzen wurden von der Stadt Sidon während der Herrschaft des Kaisers Marcus Aurelius Antoninus (218–222 n. Chr.) – besser bekannt als Elagabal – geprägt, dessen Familie aus dem syrischen Emesa, dem heutigen Homs, stammte und dort über Generationen das Hohepriesteramt des lokal verehrten Sonnengottes ausübte. Die zweite Münze wurde zu Ehren von Julia Maesa, der ebenfalls aus dem syrischen Emesa gebürtigen Großmutter von Elagabal, hergestellt. Auf der Vorderseite der Münzen werden der Kaiser und dessen Großmutter mit den Umschriften IM C MA ANTONINVS AVG bzw. IVL MAESA AVG namentlich genannt. Der Kaiser wird mit Lorbeerkranz, Brustpanzer und faltenreichen Feldherrenmantel porträtiert, seineGroßmutter mitnicht minder aufwändig drapiertem Gewand und kunstvoll gestalteter Frisur.

Münze aus Sidon mit dem Porträt von Julia Maesa und der Darstellung von Europa auf dem Stier, Tübingen Inv. II 1547/96 (https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?id=ID10755). Foto: Stefan Krmnicek.

Die Rückseite der Münzen zeigt den Mythos in seinem dramatischsten Moment: die Königstochter sitzt seitlich auf dem Rücken des Göttervaters Zeus, der in der Gestalt eines bulligen Stiers mit der schönen Europa davonsprengt. Das in der antiken Kunst bekannte Motiv eines über dem Kopf im Wind aufgeblähten Mantels soll diese Dynamik noch weiter unterstreichen. Mit den vorliegenden Münzen sehen wir, dass vor knapp 2000 Jahren das Wissen um den mythischen Ursprung des Namens von Europa weit verbreitet gewesen sein muss, ja sogar im antiken Syrien gut bekannt war. Hoffentlich trägt dieser Beitrag dazu bei, dass auch heute wieder mehr Menschen über die mythischen Wurzeln von Europa Bescheid wissen.
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