„Der Irak hat drei Sonnen“ – 50 Grad Hitze

Von Sameer Ibrahim und Michael Seifert

Hitzetage in Deutschland? Nicht für Sameer Ibrahim, der vor sieben Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist: „Als ich heute Morgen zur Arbeit ging, musste ich eine Jacke anziehen, so kalt war es. Und nachmittags 35 Grad im Schatten, das ist ein perfektes Wetter für mich. Schlimm wird es erst über 40 Grad.“
Im Südirak und in der Hauptstadt Bagdad, seiner alten Heimat, gibt es derzeit Höchsttemperaturen von 45 bis 48 Grad, Maximalwerte von 51 Grad werden wie in den letzten Jahren auch wieder erwartet. Sameers Schwester sagte am Telefon: „Wir werden sterben vor Hitze.“ Aber die Iraker haben mit Humor auch Sprichwörter über die Hitze geprägt wie: „Wir haben drei Sonnen, heute sind auch ihre zwei Töchter bei ihr.“ Oder: „Die Iraker sagen: Gott, schicke uns gleich ins Paradies, weil wir die Hölle schon erlebt haben.“ Sameer selbst erinnert sich an die Hitzemonate in seiner Jugendzeit: „Da habe ich immer gesagt: Wenn es im Mülleimer kalt ist, werde ich im Mülleimer schlafen. Wir suchen immer einen Platz, wo es kühl ist.“
Wie sich diese Temperaturen auswirken, dafür hat Sameer plastische Beispiele: „Man kann Eier braten ohne Herd, einfach die Eier in einem Topf oder einer Pfanne mit etwas Öl draußen in die Sonne stellen. Nach ein paar Minuten sind sie fertig. Die Soldaten machen das so.“ Er hat beobachtet, dass Ampeln aus Plastik schmelzen oder der Asphalt der Straßen flüssig wird.
Die großen Flüsse Euphrat und Tigris, an deren Ufern die frühen antiken Hochkulturen entstanden sind, trocknen aus: „Sie verschwinden von Tag zu Tag, es gibt kein Wasser mehr. In Videos kann man sehen, dass die Leute im ehemaligen Fluss Fußball spielen“, berichtet Sameer. Die Trockenheit führt auch zu massiven Auswirkungen in der Landwirtschaft. Nach Angaben des zuständigen Ministeriums wird gegenüber 2017 nur noch die Hälfte der Fläche bewirtschaftet.
Und die Hitze verursacht auch soziale Spannungen. Sameer: „Das Wetter spielt eine große Rolle für unsere Laune. Bei Hitze werden die Menschen nervös und aggressiv.“ Das gelte vor allem für die großen Städte, wo sich die Hitze stärker auswirkt, weil die Leute so eng beieinander leben wie in Bagdad mit acht Millionen Menschen.
Und im Juli und August kommt es immer zu Protesten, vor denen die Regierung Angst habe, denn: „Die Regierung lügt auch beim Wetter. Bei Hitze brauchen wir Strom für die Klimaanlagen. Seit 2003 verspricht die Regierung diesen Strom. Aber immer wieder kommt es zu Stromausfällen.“ Wie deutsche Medien berichteten, mussten deswegen schon Energieminister und 2019 sogar die ganze Regierung zurücktreten.
Sameer hat auch gelesen, dass irakische Wissenschaftler voraussagen, dass man im Jahr 2050 nicht mehr im Irak leben könne, weder Menschen noch ihre Tiere.

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Seit Jahren ist es in Bagdad außergewöhnlich heiß. Foto: tünews INTERNATIONAL / Lubna Salam.

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