Eine „Postkarte“ aus dem antiken Kyrrhos

Von Leila Nouioua
Eine Münze aus der Tübinger Münzsammlung stammt aus Kyrrhos, einer antiken Stadt, deren Ruinen im heutigen Nordwesten Syriens am Afrin-Fluss liegen. Wie die meisten aus den östlichen Provinzen des römischen Reichs, ist auch diese nicht aus Edelmetall, sondern aus Bronze gefertigt worden. Die Münze hat einen Durchmesser von 2,7 cm und wiegt 14,72 g.
Die Vorderseite zeigt das Portrait des römischen Kaisers Philippus Arabs (um 204 bis 249 n. Chr.). Er trägt eine Rüstung und darüber einen Mantel, der an der Schulter gerafft ist. Auf seinem Kopf trägt er einen Lorbeerkranz, der in seinem Nacken zusammengebunden ist. Die griechische Umschrift auf der Münze verrät uns seinen Namen. Philipp hatte durch seine lokale Herkunft eine direkte Verbindung zu Syrien. Auch die Rückseite dieser Münze hat einen eindeutigen lokalen Bezug: Wir sehen hier den Tempel des Zeus Kataibates. Der Tempel wird an der Frontseite von sechs Säulen gerahmt, die einen sogenannten syrischen Giebel tragen. Diese Giebelform – zu erkennen an dem runden Bogen – ist typisch für den syrischen Raum. Obwohl man denken mag, dass ein solches Münzbild wie eine Postkarte das tatsächliche Aussehen des Tempels wiedergibt, ist das nicht der Fall. Die Darstellung war der Kunstfertigkeit der antiken Stempelschneider, die den Stempel für die Prägung der Münze schneiden, überlassen und stellt keine genaue Wiedergabe des Bauwerks dar. Der abgebildete Tempel stand stattdessen sinnbildlich für den lokalen Stadtkult.

Bronzemünze aus Kyrrhos. Die Vorderseite zeigt das Portrait des Kaisers, die Rückseite zeigt einen Tempel des lokalen Stadtgotts (https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?lang=de&id=ID7881). Foto: Stefan Krmnicek.

Im Innenraum dieses Tempels sehen wir eine sitzende Kultstatue des Zeus mit einem Zepter in der linken Hand. In Kyrrhos wurde eine lokale Version des Zeus verehrt, der sogenannte Zeus „Kataibates“ – „der (im Blitz) herniederfährt“. Auch die Umschrift auf der Münze verweist auf diese lokale Gottheit. Diese Version des Zeus kann man an Orten finden, in denen die Existenz des Gottes durch einen Blitzschlag beobachtet wurde. Das Heiligtum wurde in solchen Fällen direkt über dem Einschlagsort des Blitzes erbaut, um dem verehrten Gott besonders nahe zu sein. Dies ist auch in Kyrrhos der Fall gewesen, und die Stadt zeigte ihren Stolz mit dem Heiligtum. Der Tempel und die Kultstatue wurden zum Symbol dieser syrischen Stadt und hatten für die antiken Betrachter in der Region einen Wiederkennungswert. Leider ist heute von dem einstigen Tempel nichts mehr erhalten; deshalb sind die Münzbilder umso wichtiger, weil sie uns von der Bedeutung des einstigen Heiligtums für die antike Stadt und ihre Bewohner berichten. Dadurch, dass jede Stadt ihre eigenen lokalen Besonderheiten darstellte, kann man über die Münzen einen direkten Einblick in eine Welt gewinnen, die zwar zum römischen Reich gehörte, aber dennoch eine eigene Identität behielt.

Der Text entstand im Wintersemester 2021/22 am Institut für Klassische Archäologie der Universität Tübingen im Seminar „An der Küste und in der Wüste. Die Münzen des antiken Syrien“ unter der Leitung von Prof. Stefan Krmnicek. Die Lehrveranstaltung widmete sich der umfangreichen Münzprägung der antiken syrischen Städte und ihrem kulturellen, religiösen und politischen Hintergrund. Ausgewählte Ergebnisse der studentischen Seminararbeiten werden in tünews INTERNATIONAL vorgestellt, damit möglichst viele Menschen an den interessanten Erkenntnissen teilhaben können.

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Bronzemünze aus Kyrrhos. Die Vorderseite zeigt das Portrait des Kaisers, die Rückseite zeigt einen Tempel des lokalen Stadtgotts (https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?lang=de&id=ID7881). Foto: Stefan Krmnicek.

 

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