Akademische Arbeit und Familienleben in der Zeit von Corona

Von Youssef Kanjou

Meine akademische Arbeit als Forscher in Archäologie des Nahen Ostens an der Universität Tübingen und im Forschungsbereich geschieht in der Regel nicht zu Hause. Zur gleichen Zeit sind meine Kinder in Schulen und Kindergärten. Die Situation hat sich aufgrund des Virus geändert: Ich kann nicht mehr in die Universität gehen und die Kinder halten sich dauerhaft zu Hause auf.

Das hat mich gezwungen, meinen sozialen und wissenschaftlichen Lebensstil zu ändern: Einerseits arbeite ich von zu Hause aus und andererseits fordert mich das Familienleben. Das kostet mich sehr viel Zeit, wenn ich die Schulaufgaben der Kinder zu Hause überwache und ihnen dabei helfen muss. Dafür muss ich ihnen meinen eigenen Computer zum Lernen und Drucken von Lernmaterialien zu Verfügung stellen. Aber noch wichtiger ist, wie ich die Zeit mit ihnen verbringe und nach Möglichkeiten suche, sie zu unterhalten, was ich nicht gewohnt bin.

Meine Forschungstätigkeit, die neben dem Gang zur Universität auch ständige Reisen nach Berlin umfasste, hat sich auch stark verändert, da alle wissenschaftlichen Sitzungen jetzt über das Internet stattfinden. Dabei arbeite ich mit einem internationalen Team zusammen, um das syrische Kulturerbe zu dokumentieren. Jetzt ist es unmöglich, mit den Kollegen zusammenzukommen, außerdem wurden die wissenschaftlichen Konferenzen abgesagt, an denen ich in Italien und in der Türkei teilnehmen wollte.

Ich habe jetzt das Gefühl, dass meine Zeit für wissenschaftliche Forschung und das Schreiben von Essays sich verkürzt hat, sodass ich meinen Arbeitsplan nicht wie vorgesehen abschließen kann. Gleichzeitig hat sich die Kommunikation mit syrischen Studenten und Forschern verstärkt, die Fragen zu wissenschaftlicher Literatur, Bibliographie und ihrer akademischen Zukunft haben.

Es ist meiner Ansicht nach sehr interessant in dieser Zeit, dass meine kleinen Kinder einen großen Anteil an meinem Computer bekommen haben, da dieser für sie ein Ort geworden ist, um Geschenke und Spiele über das Internet zu bestellen. In meinem Büro am Computer zu sitzen, bedeutet für sie, dass der Supermarkt jetzt offen ist und sie alles kaufen können, was sie wollen! Ich nutze meine Fähigkeiten, um online zum Beispiel nach Spielzeugen zu suchen, die meine Kinder verlangen. Ich musste auch von ihnen eine Menge Spiele lernen, die es nicht gab, als ich ein Kind war

Besonders bemerkenswert ist für mich, dass meine Kinder verstehen, wie wichtig es ist, zu Hause zu bleiben und sich nicht darüber zu beschweren. Sie sagen im Gegenteil immer: „Wir haben Ausgangssperre und sollten nicht rausgehen und anderen nahekommen.“ Manchmal gehen ihre Freunde an unserem Haus vorbei und sprechen mit ihnen laut aus der Ferne für kurze Zeit. Gleichzeitig vermissen sie ihre Freunde im Kindergarten sehr, manchmal rufen sie laut nach ihnen aus unserem Haus. Sie kommunizieren auch mit ihren Freunden über WhatsApp, was sie sehr glücklich macht. Ich habe angefangen, mit ihnen kurze Videos von einigen der Spiele und Songs zu machen, die sie lieben. Diese Beschäftigung ist fast zur täglichen Gewohnheit geworden und eine Möglichkeit, die Zeit zusammen zu verbringen.

Ich hoffe, dass die Coronakrise bald vorbeigeht, damit die sozialen Kontakte weitergehen und der Arbeitsalltag nicht in Vergessenheit gerät, sei es an der Universität oder in der Schule.

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Impressionen zum Leben in Zeiten der Corona-Pandemie: Foto: tünews INTERNATIONAL; Mostafa Elyasian, 10.05.2020

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