Die USA brennen

von Will Thomas

Der Autor ist ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Redaktion von tünews INTERNATIONAL. Nach einem Stipendienaufenthalt in Tübingen und Berlin kehrte er im April 2020 in die USA zurück. Dort erlebt er derzeit ein Land in Aufruhr. Wir haben ihn gebeten, seine persönlichen Erlebnisse zu schildern. Begriffe in seinem Beitrag, die sehr stark durch US-amerikanische Tradition geprägt sind, haben wir in Anführungszeichen gesetzt und teilweise in englischer Sprache beibehalten.

 

Die USA „brennen“. Am Montag, 25. Mai 2020, hat die Polizei George Floyd, einen „Black man“, getötet. Das wirkte wie der Funke in einem Benzintank. Der Treibstoff darin hat sich über mehrere Jahrhunderte angesammelt. „Black people“ waren in den USA auch in der Vergangenheit Opfer von Gewalttaten. In den letzten paar Monaten waren das Ahmaud Aubrey, Breonna Taylor, Tony McDade und weitere. Aus dem vergangenen Jahrzehnt nenne ich als Beispiele Trayvon Martin, Michael Brown, Freddie Gray, Sandra Bland, Eric Garner, Tamir Rice, Philando Castile. Ich könnte weitere erwähnen. Aber es geht weiter zurück.

Vor der Gründung des Landes war „race” eine gesellschaftliche Grundlage. Seit 1619 verkauften Sklavenhändler „Black people“ nach Nordamerika. Präsident Lincoln beendete die Sklaverei zwar offiziell bereits 1865 durch seine Emanzipationsproklamation. Sklavenarbeit gab es aber weiter, beispielsweise in Form der „chain gangs”, das waren aneinander gekettete Sträflinge, die zwangsweise arbeiten mussten. In den USA zementierten mehrere Bundesstaaten in „Jim Crow“-Gesetzen die Rassentrennung im täglichen Leben. Beispielsweise regelten sie, dass „Black people“ in eigenen, abgetrennten Eisenbahnabteilen fahren mussten. Der Oberste Gerichtshof bestätigte die Gesetze 1896, verlangte aber, dass die Qualität der Eisenbahnabteile gleich sein müsse. Tatsächlich aber gab es keine Gleichheit. Diese Rechtslehre des „separate but equal“ (getrennt, aber gleich) galt bis 1964. Nach der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bis zum heutigen Tag existieren immer noch auffällige Ungleichheiten, häufig aufgrund rassistischer Regierungspolitik.

Der Tod von George Floyd war der Funke, 400 Jahre Treibstoff leuchteten auf. Die Demos in Minneapolis, wo die Polizei George Floyd tötete, begannen am nächsten Tag. Demos gegen Polizeigewalt und Rassismus sind in den USA nichts Neues. 2014 gab es so etwas in Ferguson, wo Michael Brown gewalttätigen Polizisten zum Opfer fiel. Der war nur 18 Jahre alt. Gleichzeitig wuchs die „Black Lives Matter“-Bewegung. Jahrzehnte lang gab es friedliche Proteste, aber das Töten gingen weiter.

In Minneapolis kam es zu einer anderen Entwicklung. Die Polizei beantwortete friedliche Demonstrationen mit Aggression. In den USA sieht die Polizei eher wie Militär aus. Die Polizei in den Doppelstädten Minneapolis und St. Paul hat eine lange Geschichte von Gewalt und Aggression. Drei Tage nach der Tötung Floyds, am 28. Mai 2020, wurde das örtliche Polizeirevier niedergebrannt. Noch am selben Donnerstag brachen in den gesamten USA Demos aus.

Ich erlebte die Demos hautnah in Atlanta, Georgia. Meine Stadt liegt im Südosten USA, dem sogenannten „Deep South” (tiefen Süden). In meiner Stadt, wie in mehreren Städten der USA, verhielten sich Polizeieinheiten nicht wie Friedenstruppen, sondern wie eine Besatzungsmacht. Ich werde meine Erfahrungen im nächsten Teil weiter beschreiben. Ich sah mit eigenen Augen Staatsbrutalität gegen friedliche Demos und wurde selbst verhaftet. Am Sonntag, dem 12. Juni 2020, erlebten wir in Atlanta unseren eigenen Todesfall durch die Polizei. Polizeibeamte schossen Rayshard Brooks auf der Flucht dreimal in den Rücken.

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Foto: Steve Weißflog/Pixelio

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