Eine antike Silbermünze aus Seleukia am Tigris im Irak

Von Stefan Krmnicek

In unserer Serie über antike Münzen geht es in diesem Beitrag um eine antike Silbermünze aus dem Irak in der Münzsammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen. Auf der Vorderseite sehen wir die Büste eines Mannes nach rechts. Sein Gesicht wirkt pathetisch-realistisch. Die Augen liegen tief, die Nase ist recht prominent geformt. Seine gelockten Haare fallen ordentlich gekämmt vom Scheitel herab. Um den Kopf ist eine breite Binde gewunden. Die Leser unserer früheren Beiträge wissen bereits, dass eine Binde, auch Diadem genannt, bei den griechischen Herrschern das Symbol der Königswürde war. Die Griechen hatten es unter Alexander dem Großen (356–323 v. Chr.) von den Perserkönigen übernommen. Seitdem war das Diadem ein fester Bestandteil des hellenistischen Königsornats. Also muss der Dargestellte ein griechischer König sein. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie er heißt.

Diese Frage beantwortet die Rückseite der Münze. Hier sehen wir Apollon, den jugendlichen griechischen Gott der Heilung und der Musik, mit Pfeil und Bogen nach links sitzen. Dank der griechischen Inschrift wissen wir nun, wer der auf der Vorderseite abgebildete Herrscher ist: König Antiochos I. (324–261 v. Chr.). Die beiden Monogramme – die miteinander verbundenen Buchstaben AP und HP – links und rechts neben Apollon verraten uns zudem, dass die Münze in Seleukia am Tigris, einer antiken Stadt am rechten Tigrisufer knapp 35 km südlich des modernen Bagdads, geprägt wurde.

Wer war dieser Antiochos I. und wieso wurden seine griechischen Münzen in einer Stadt am Tigris im heutigen Irak geprägt? Antiochos I. war der Sohn des Königs Seleukos I. (ca. 350–281 v. Chr.), der die griechische Herrscherdynastie der Seleukiden begründet hatte. Die Seleukiden herrschten mehrere Generationen lang über weite Teile Klein- und Vorderasiens mit Zentrum im Gebiet des heutigen Syrien und des Irak. Der Vater des auf unserer Münze abgebildeten Antiochos I. hatte auch die nach ihm benannte Stadt Seleukia am Tigris gegründet – ursprünglich mit dem Ziel als neue Residenzstadt. Durch den Zuzug der Bevölkerung aus angrenzenden Regionen und Städten, wie etwa aus Babylon, wuchs Seleukia am Tigris zu einer der größten Städte des Seleukidenreiches. Nach der Einnahme der Stadt durch die Parther im 2. Jh. v. Chr. gründeten diese auf der anderen Seite des Flusses ihre neue Hauptstadt Ktesiphon. Aus dem Gebiet des antiken Ktesiphon besitzen wir mit der Palastruine Taq-e Kisra wiederum das bedeutendste noch stehende Bauwerk aus der frühen Epoche der Sasssanidenherrschaft (3.–7. Jh. n. Chr.).

Eine Silbermünze des Königs Antiochos I., Tüb. Inv. II 1431/9 (Foto: Stefan Krmnicek, Universität Tübingen).

Über König Antiochos I. gibt es noch eine bereits in der Antike weit verbreitete Geschichte. Er soll sich als junger Mann in seine um sieben Jahre jüngere Stiefmutter Stratonike – eine Prinzessin aus dem makedonischen Königshaus – verliebt haben und vor Liebeskummer sogar krank geworden sein. Der königliche Arzt Erasistratos hatten die Ursache für die

Krankheitssymptome seines Patienten jedoch rasch erkannt und dem König die Liebe seines Sohnes zur unerreichbaren Stiefmutter so überzeugend anvertraut, dass dieser nicht anders konnte, als seine junge Frau freizugeben und mit seinem Sohn zu vermählen. Antiochos I. und Stratonike lebten seitdem glücklich zusammen und bekamen vier Kinder, von denen ein Sohn, Antiochos II., seinem Vater Antiochos I. als König auf dem Thron nachfolgte und die Dynastie der Seleukiden weiterführte.

Wer mehr Interesse an solchen spannenden Erzählungen hat, kann antike Münzen aus Syrien, dem Irak, Iran und Afghanistan im Museum Alte Kulturen der Universität Tübingen auf Schloss Hohentübingen besichtigen. Die vorliegende Münze ist auch in Zeiten von Corona und geschlossenen Museen bzw. für alle Interessierte außerhalb Tübingens kostenfrei unter:

https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?id=ID3300 im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie virtuell zu bewundern.

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Eine Silbermünze des Königs Antiochos I., Tüb. Inv. II 1431/9 (Foto: Stefan Krmnicek, Universität Tübingen).

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