Geflüchtet und auf Wohnungssuche

Mohammad Nazir Momand (Recherchen) und Wolfgang Sannwald (Text und Recherchen)

Fatima und Mohammad suchen eine Wohnung. Beide wohnten 2015 noch weit weg von Deutschland. Sie lebten beide in Häusern, die ihren Familien gehörten. Das Haus von Mohammads Vater stand in Pulchumry bei Baghlan in Afghanistan. Der Ort ist als „Klein-Moskau“ bekannt, weil dort viele Frauen auch in der Öffentlichkeit keinen Hijab-Schleier tragen. Dort ist es üblich, dass man die Matratzen direkt auf den Boden legt. Einen Schrank hatten Mohammad und sein Bruder auch nicht in ihrem gemeinsamen Zimmer, die Kleider hängten sie an Garderoben in einem extra Raum. In ihrem Zimmer hatten die Brüder aber jeweils einen PC-Arbeitsplatz. Mohammad erinnert sich an Konflikte mit dem Jüngeren, der noch Musik hören wollte, wenn der Ältere schon sehr müde war.

Mohammad wunderte sich anfangs in Deutschland über die Grundstücke ums Haus. Bei ihm und, wie Fatima bestätigt, auch in Syrien und anderen arabischen Ländern, könne man nicht in die Gärten sehen. Hohe Mauern würden diese uneinsehbar machen, so dass Frauen darin auch unverschleiert ins Freie könnten. Als Mohammad bereits nach Europa geflohen war und sich in Tübingen eingelebt hatte, setzte ihm ein Ereignis schwer zu. Das elterliche Haus stand nur 50 Meter von einer Polizeistation entfernt. Auf diese verübten die Taliban 2018 einen Anschlag mit einer Autobombe: Das Haus von Mohammads Familie war zu 85 Prozent zerstört. Dass er 24 Stunden lang keinen Kontakt zu seinen Eltern bekam, bedrückte ihn so sehr, dass er die damals in der Ausbildung anstehende Zwischenprüfung ein Jahr später wiederholen musste.

Fatimas elterliches Haus steht in Damaskus in Syrien. Dort leben Menschen sehr selten zur Miete. Meist baut man ein eigenes Haus in Eigenleistung. Fatimas Vater baute ein vier Stockwerke hohes Gebäude, das auf jeder Etage drei Wohnungen hatte. Darin lebten die Familie und Verwandte. Das Mobiliar, Wandschränke und Betten, hatte der Vater ebenfalls selbst gebaut, manchmal gemeinsam mit bekannten Handwerkern. Das sei so üblich, man kaufe Möbel nicht in einem Geschäft. Der Vater und die achtköpfige Familie teilten sich 160 Quadratmeter Wohnfläche. Fatima und ihre Schwester hatten ein gemeinsames Zimmer. Wenn sie sich stritten, ging es um das Öffnen der Fenster. Fatima wollte immer frische Luft, ihre Schwester nicht. Fatima: „Wir haben das geregelt. Wenn sie schlief, habe ich das Fenster aufgemacht.“ Von Fatimas elterlichem Haus stehen heute nur noch die Betonmauern, das Innere ist nach einem Bombenangriff zerstört und verbrannt. Von der neunköpfigen Familie lebt jetzt nur noch eine Person in Syrien, die anderen sind in der Türkei, in Deutschland.

Auf ihrer Flucht mussten sich Fatima und Mohammad notgedrungen in vielen Sammel-Unterkünften einrichten. Mohammad erlebte Massenquartiere im Flughafen Stuttgart. Er präzisiert: Fünf Tage in Halle 1 und 35 Tage in Halle 9. Da lebten seiner Einschätzung nach etwa 1500 Geflüchtete zusammen. Dann kam er 13 Tage nach Meßstetten, später in ein anderes Massenquartier in Rottenburg-Ergenzingen, dann vier Monate lang in die Tübinger Kreissporthalle. Da schlief er als oberster in einem Stockbett und hatte den hochgeklappten Basketball-Korb über sich: „Ich hatte immer Angst, dass er herunterfällt und auf mich stürzt“. Dabei hatte er so auf ein eigenes Zimmer gehofft, um wieder richtig schlafen zu können. Er erinnert sich noch an viele Probleme in der Kreissporthalle: „Ich dachte manchmal, ich sei in Afghanistan und noch im Krieg.“ Konflikte gab es vor allem zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Ländern, da halfen auch die am Ende nach Nationalität getrennten Toiletten nichts.

Fatimas Familie kam, nachdem sie eine Aufenthaltserlaubnis hatte, in einer Wohnung auf dem Land im Fränkischen unter. Die Toilette konnten sie nur über einen Hof erreichen. Der siebenjährige Sohn hatte immer Angst auf dem Weg dahin. Fatima ist mit fünf Kindern seitdem auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Der Umzug in die Nähe des Bruders, der im Landkreis Tübingen wohnte,

brachte auch keine endgültige Lösung. Die Treppe in dem ehemaligen Bauernhaus sei so steil, dass Fatima erst kürzlich herunterstürzte. Und die Zimmer für die Töchter seien viel zu klein. Beide bereiten sich gerade aufs Abitur vor, sie brauchen deshalb Ruhe und Arbeitsplätze. Während Fatima die ländliche Gemeinde wegen der Ruhe dort liebt, sehnen sich die Kinder nach mehr Trubel in der Stadt.

Single Mohammad, der mit ehrenamtlichen UnterstützerInnen bestens vernetzt ist, hat seit seiner Ankunft in Tübingen schon mehr als zehn Zimmer oder Wohnungen angeboten bekommen. Fatima und ihre Familie dagegen bekamen immer Absagen, wenn sie sich um eine neue Wohnung bewarben. Warum? „Die Leute fragen gleich, ob ich oder mein Mann arbeiten. Der ist aber krank, ich muss für die Kinder da sein. Dann sagen sie gleich Sorry, Nein.“

Volker, der seit 1959 in Tübingen lebt, kennt die Probleme bei der Wohnungssuche schon seit Jahrzehnten. Als er studierte, mussten Kommilitonen in feuchten „Wohnklos“ im Keller hausen, eine Geschirrhütte in einer Obstwiese bewohnen oder zusätzlich zur Miete noch Gartenarbeiten für die Vermieter erledigen. Volker hat mittlerweile selbst eine Wohnung gekauft, die er vermietet. Und er kennt viele andere, die in der Stadt vermieten. Er sagt, dass es sicherlich VermieterInnen gibt, denen es fast nur ums Geld geht. Das ist vor allem für diejenigen wichtig, die eine Wohnung gekauft haben und noch abbezahlen müssen. Wer in Tübingen eine Wohnung kauft, muss dafür extrem viel Geld bezahlen. Der Wohnungsmarkt in Tübingen gehört zu den teuersten Deutschlands. Das macht auch die Mieten teuer.

Volker meint aber: „Wenn ihr in Tübingen eine Wohnung sucht, würde ich nicht nur ans Geld denken. Es gibt hier viele, denen es beim Vermieten auf was ganz Anderes ankommt.“ Das gilt insbesondere, wenn sie eine Wohnung im selbst bewohnten Haus vermieten. Er kennt einige VemieterInnen, denen es dann wichtiger ist, angenehme Menschen ins Haus zu bekommen, als Geld an ihnen zu verdienen. „Es gibt sogar Menschen, die eine Wohnung leer stehen lassen, weil sie schlechte Erfahrungen mit Mietern gemacht haben.“ Sie befürchten: „Da lassen wir jemanden herein und den können wir nicht mehr loswerden.“ Er hat als Vermieter auch 100 Bewerbungen um seine Wohnung erhalten. Bei so vielen Interessenten musste er viele schnell ausscheiden, sonst hätte die Auswahl zu lange gedauert. Als erstes sortierte er in der Online-Plattform alle aus, die nichts über sich selbst ausgesagt haben. „Ich will mir ein Bild von den Menschen machen können, die einziehen werden“, sagt er. Volker empfiehlt deshalb, sich um eine Wohnung zu bewerben wie um einen Arbeitsplatz. Ihm sei ein gutes Foto ganz wichtig.

Und dann interessieren ihn die Lebensumstände: „Du hast so viel zu bieten, warst in Syrien Gymnasiallehrerin. Schreib das. Du hast fünf Kinder, drei davon gehen ins Gymnasium. Schreib das.“ Vor allem sei es gut, gegen mögliche Sorgen der Vermieter anzuschreiben. „Schreib, dass du tolle Kinder hast, die sich auch ruhig verhalten können, die gut erzogen sind. Mach klar, dass ihr die Kehrwoche kennt und gewissenhaft macht.“ Sein Fazit: „Es reicht nicht, in der Bewerbung nur zu schreiben, dass man eine Wohnung will. Schreib dem Vermieter, was für tolle Mieter er bekommt.“

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Impressionen zum Leben in Zeiten der Corona-Pandemie: Foto: tünews INTERNATIONAL; Mostafa Elyasian, 27.10.2020

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