Geheimdienst-Gefängnisse in Syrien: Das Schneckenhaus

Manche bezeichnen den Roman „Das Schneckenhaus“ als das wichtigste Buch zum Verständnis Syriens. Es ist 2019 auf Deutsch erschienen. Darin beschreibt Mustafa Khalifa in der literarischen Form von Tagebucheinträgen Erlebnisse aus der Haft in Gefängnissen der syrischen Geheimdienste. Er selbst hat 12 Jahre seines Lebens in diesen Gefängnissen überlebt, vier Jahre davon im berüchtigten Wüstengefängnis Tadmor. Dort sollen ständig etwa 10.000 Gefangene eingesperrt sein. Khalifa schildert präzise und sachlich Erlebnisse von Folter und Erniedrigung im geheimen Inneren des syrischen Regimes. Dieses Regime stützt seine Macht unter anderem auf die Konkurrenz mehrerer Geheimdienste. Jeder Geheimdienst hat eigene Gefängnisse und Folterer. Khalifa beschreibt deren standardisierte Methoden, die er am eigenen Leib erlebt hat: Auspeitschen, Schläge, „Reifen“, „Fliegenden Teppich“, „Deutschen Stuhl“, Stromstöße, Abhängen an Armen von der Decke. Der Autor schildert auch, wie altgediente Geheimdienstbeamte junge Kadetten zum Foltern animieren, wie Regierungsbeamte mit Helikoptern für Hinrichtungen einfliegen. Tausende SyrerInnen starben in den Gefängnissen des Geheimdienstes. Der deutsche Generalbundesanwalt hat jüngst zwei ehemalige syrische Geheimdienst-Verantwortliche wegen vielfachem Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in syrischen Gefängnissen angeklagt. Khalifa war lange vor Beginn des „Arabischen Frühlings“ eingesperrt worden, 1982. Wie viele andere machte ihm niemand den Prozess, seine Inhaftierung erfolgte ohne gerichtliches Urteil. Er entstammte einer linken Oppositionellen-Familie und erfuhr erst Jahre nach seinem Haftbeginn von dem Vorwurf gegen ihn. Ein Denunziant hatte eine kritische Äußerung des Schriftstellers bei einer Party in Paris nach Syrien gemeldet. Khalifas Anliegen ist es, Zeugenschaft über die Vorgänge in den Gefängnissen abzulegen, in einer Radiosendung des Deutschlandfunks nannte er sein Motto: „Du musst dich der Logik der Folter widersetzen.“ Deren Ziel sei es, Menschen zu brechen, sie in ein Nichts zu verwandeln. Der Held im Buch „Das Schneckenhaus“ verweigert zuletzt jedes Zugeständnis und jede Unterwerfungsgeste gegenüber dem Regime. Khalifa lebt heute im Exil in Frankreich. Sein Buch erschien 2007 auf Französisch und wurde seitdem in sechs Sprachen übersetzt.

Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs“. Aus dem Arabischen von Larissa Bender, Weidle Verlag 2019, 312 Seiten, 23 Euro

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