Goethe und seine komplexe Wahrnehmung des Islam

Von Michael Seifert

Johann Wolfgang von Goethe, der wohl berühmteste deutsche Dichter, hat sich so intensiv mit dem Islam beschäftigt wie kein anderer. Das wissen nur die wenigsten seiner LeserInnen. Karl-Josef Kuschel, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, hat gerade unter dem Titel „Goethe und der Koran“ ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Oula Mahfouz und Michael Seifert von der tünews INTERNATIONAL-Redaktion haben mit ihm über sein neues Buch gesprochen.

Schon lange betreibt Kuschel ein Forschungsprojekt zum Thema „Weltreligionen im Spiegel der Literatur“. Er geht darin der Frage nach, wie SchriftstellerInnen diese Weltreligionen und ihre Kulturen wahrnehmen und wie ihr subjektiver literarischer Zugang zu diesen komplexen Systemen aussieht. Die Motivation für sein Buch erklärt der Theologe und Literaturwissenschaftler so: „Ich wollte meinen deutschen Landsleuten ihren Goethe als Spiegel vorhalten, denn es gibt keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der ein so intensives, kenntnisreiches und leidenschaftliches Interesse für die Welt des Orients und des Islam hat. Sein Niveau in der Auseinandersetzung mit dem Islam sollte eine Herausforderung für uns alle sein.“ Dies gelte gerade in der heutigen Zeit, in der das Bild des Islam so pauschal und negativ sei und bis hin zu Hass und Abwehrreaktionen führe. Das diene dann als Alibi, sich eine vertiefte Beschäftigung mit der islamischen Welt zu schenken.

Ganz im Zentrum steht für Goethe zunächst der Prophet Mohammed. Schon als 23-Jähriger hatte er die Absicht, ein Drama über den Religionsgründer zu schreiben. „Mitreißende Persönlichkeiten, die Charisma haben und Faszination ausüben, das hat ihn interessiert“, so Kuschel. „Seinen ‚Mahomet‘ vollendet er nicht. Es gibt aber faszinierende Entwürfe, die erhalten sind. Er vergleicht darin die Wirkung des Propheten mit einem gewaltigen Strom, der seine Anhänger mitreißt.“

Gott ist schön und Er liebt die Schönheit. (Ein Spruch des Propheten Mohammed) Foto: Kalligraphie von Shahid Alam. In: Kuschel, Karl-Josef (2021): Goethe und der Koran.

Später beschäftigt sich Goethe dann wissenschaftlich mit dem Islam. „Er hat 120 orientalistische Werke studiert. Die deutschen Gebildeten seiner Zeit dagegen hatten keine Ahnung vom Islam und vom Orient. Wenn überhaupt haben sie sich mit der römischen oder griechischen Kultur beschäftigt. Hintergrund dafür war die jahrhundertelange Islamverachtung der christlichen Kirchen und die noch immer nachwirkenden Türkenkriege“, berichtet Karl-Josef Kuschel.

Goethe konnte sich durchaus mit islamischen Glaubensvorstellungen identifizieren. Kuschel nennt die Paradiesvorstellung des Islam, der Goethe ein eigenes Buch im Gedichtzyklus „Der west-östliche Divan“ gewidmet hat. „Man ist bei ihm nie ganz sicher, ob er das glaubt oder nicht, aber er spielt brillant mit diesen Gedanken.“ Goethe habe auch keine Bedenken zu sagen, dass auch er der „heiligen Nacht“ gedenke, also der Nacht, in der der Koran erstmals während des Ramadans von Gott auf den Propheten herabgesandt wurde. Sure 97 gilt als die erste Offenbarung. Hinzu komme die Gottergebenheit. Kuschel: „Den berühmten Vers: ‚Wenn Islam Gott ergeben heißt, / im Islam leben und sterben wir alle‘ zitiere ich in meinen Vorträgen ganz strategisch, dann wachen die Leute erstmal wirklich auf. Gemeint ist die Grundhaltung des religiösen Menschen in einer Krisensituation.“ Goethes Position sei aber eine Identifikation mit der Spiritualität des Islam und nicht mit dem Islam als verrechtlichter Religion, denn das würde ja bedeuten, ein Dogma gegen ein anderes einzutauschen.

Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! Nord und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. (Zitat von Johann Wolfgang von Goethe) Foto: Fany Fazii, Kalligraphie von Shahid Alam. In: Kuschel, Karl-Josef (2021): Goethe und der Koran.

Die Beschäftigung mit dem Islam bestärkt Goethe auch in seiner polemischen Kritik am Christentum, „nämlich an der Vergottung Jesu, dass man aus ihm einen zweiten Gott macht, und an der Kreuzesdarstellung. Jesus ist für ihn ein Prophet des einen Gottes oder sogar einer der Gesandten“, erläutert Kuschel, von denen es nur vier im Koran gibt: Moses, Jesus, David und Mohammed.

Ob ihn das als katholischer Theologe nicht schmerze? „Überhaupt nicht,“ entgegnet Kuschel. „Ich denke nicht daran, den Koran unkritisch zu übernehmen, aber ich nehme seine Einwände ernst. Und ich muss mir überlegen, wie ich Muslimen erklären kann, dass das Christentum auch eine monotheistische Religion ist und dass das Kreuz für die Liebe Gottes steht. Ich muss meinen Glauben neu erklären im Lichte dieser Einwände und erwarte dann auch Offenheit für meine Argumente.“

Wie reagieren MuslimInnen auf diese Nähe Goethes zum Islam? „Goethe hatte keine Hemmungen, sich selbst als Muselman zu bezeichnen. Das führt bei islamischen Fundamentalisten bis zur Vereinnahmung nach dem Motto: Goethe ist unser. Dafür werden dann einzelne Zitate aus dem Zusammenhang gerissen.“

Goethe sieht auch kritische Seiten am Islam, das lässt sich an seiner Beschäftigung mit dem persischen Dichter Hafis zeigen: „Goethe bewunderte die Heiterkeit, die Weltzugewandtheit, die innere Freiheit seiner Dichtung, z.B. auch was das Weinverbot anging. Er nannte ihn seinen ‚geistigen Zwilling‘, einen Mann des 14. Jahrhunderts! Hafis stand im Spannungsfeld zwischen Ketzerei und Rechtgläubigkeit. Keine Zeile von ihm wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, erst im 16. Jahrhunderts wurde seine Dichtung überhaupt zugelassen. Goethe wusste genau, dass Hafis in ständigem Konflikt mit den Gesetzeslehrern stand.“

Dem Autor Kuschel ist wie Goethe die komplexe Wahrnehmung des Islam wichtig: „Dafür kämpfe ich in dem Buch: die Wahrnehmung der Religion einschließlich der Kunst, der Philosophie und der Kalligraphie.“

Für das Buch hat er mit dem Kalligraphen Shahid Alam zusammengearbeitet. Dieser ließ Goethe-Verse ins Arabische übersetzen und hat daraus zur Bebilderung einzigartige Kalligraphien geschaffen. Goethe selbst hat auch kalligraphische Übungen gemacht. „Er war fasziniert von der Fähigkeit der arabischen Schrift, etwas Sinnliches auszudrücken. Man kann nur im Arabischen die Buchstaben ineinanderschieben und sie behalten dennoch ihre Individualität und bleiben verständlich. Im Deutschen würde dabei die Verständlichkeit des Satzes verloren gehen.“ So kann Oula Mahfouz am Ende des Gesprächs Goethes Verse auf einem kalligraphischen Gemälde an der Wand auf Arabisch rezitieren.

Buchtitel: Karl-Josef Kuschel: Goethe und der Koran. Mit Originaltexten von Goethe, wissenschaftlichen Kommentaren von Kuschel und Kalligraphien von Shahid Alam. Patmos-Verlag 2021.

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Ich sah mit Staunen und Vergnügen, Eine Pfauenfeder im Coran liegen, Willkommen an dem heiligen Platz! (Zitat von Johann Wolfgang von Goethe) Foto: Kalligraphie von Shahid Alam. In: Kuschel, Karl-Josef (2021): Goethe und der Koran.

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