Impftraditionen aus dem Orient

Von Wolfgang Sannwald

Derzeit lassen sich weltweit Millionen Menschen gegen das Corona-Virus impfen. Impfungen gegen Krankheitserreger gibt es seit Jahrhunderten, in Asien gehörten sie zur traditionellen Medizin. Dies hat der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte 2020 in einem Aufsatz dargestellt. Ihm zufolge berichtete der Philosoph Voltaire (1694–1778) aus dem Kaukasus, dass Frauen ihre sechsmonatigen Kinder in den Arm schnitten und darin ein Hautbläschen der Pockeninfektion von einem anderen Kind einsetzten. Die mild verlaufende Infektion schützte dann ihre Kinder dauerhaft. Voltaire behauptete, dass die Frauen klagten, wenn sie einmal keine Pocke für diese Art der Impfung bekommen konnten.

Diese Impftechnik lernten arabische Mediziner bereits im 11. Jahrhundert in Indien kennen. Dort entnahmen Ärzte traditionell Eiter von Menschen, die schwach an Pocken erkrankt waren. Diese Körperflüssigkeit rieben sie in die aufgeritzte Haut Gesunder. Sklavenhändler nutzten das Verfahren angeblich für ihre Sklavinnen. Sie ließen diese impfen, damit ihre Gesichter nicht durch Pockennarben entstellt werden sollten. Über Konstantinopel (heute Istanbul) wurde das Verfahren in Europa bekannt. König Georg I. von England (1660–1727) überzeugte die Methode, und er ließ seine möglichen Thronfolger ebenfalls impfen. Seinerzeit war das Risiko, dennoch an den Pocken zu sterben, sehr hoch, nach einer zeitgenössischen Schätzung starb eine Person von 182 Geimpften. Das nahmen viele Menschen aber in Kauf, weil bei Infektionen mit gefährlicheren Pockenviren fast die Hälfte der Kinder daran sterben konnte.

Für Europa gilt der englische Landarzt Edward Jenner (1749–1823) als Entdecker der ersten Schutzimpfung gegen eine Infektionskrankheit. 1796 impfte er den achtjährigen James Phipps mit einer Kuhpockenpustel, die sich auf dem Arm der Viehmagd Sarah Nelmes gebildet hatte. Wie Jenner erwartet hatte, bekam der Knaben leichtes Fieber. Das klang bald ab. Nach sechs Wochen infizierte Jenner den Jungen künstlich mit den gefährlicheren Menschenpocken. Die Impfung hatte anscheinend Erfolg, denn der Junge erkrankte nicht.

Derartige Schutzimpfungen waren über Jahrhunderte hinweg umstritten. Impfungen verursachten beispielsweise immer wieder gesundheitliche Schäden. Für viele davon war die Impftechnik verantwortlich. Ärzte nutzten damals Körperflüssigkeit eines kurz zuvor geimpften Kindes. Dadurch übertrugen sie mitunter Erreger anderer Infektionskrankheiten. Zusätzlich waren ärztliche Instrumente noch nicht sterilisiert, und manche Menschen vertrugen die fremde Körperflüssigkeit nicht. Impfgegner wiesen zudem darauf hin, dass mancherorts trotz hoher Impfquoten die Pocken wieder aufflammten. Die Ärzte mussten erst erkennen, dass sie die Schutzimpfung wieder auffrischen mussten.

Im Lauf von zwei Jahrhunderten machten die Impfärzte deutliche Fortschritte. Sie veränderten die verimpften Krankheitserreger beispielsweise durch Hitze oder Bestrahlung, so dass diese keine Krankheit mehr auslösen können. In vielen Impfstoffen sind die Erreger ganz abgetötet.

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Bei der Impfung. Foto: tünews INTERNATIONAL / Mostafa Elyasian.

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