Menschen in Afghanistan: Zerrieben zwischen Krieg, Terror und Corona

Mohammad Nazir Momand (Recherche) und Michael Seifert (Text)

Am 16. November gab es in Tübingen eine kleine Demonstration gegen einen für diesen Tag geplanten Abschiebeflug nach Afghanistan. Alleinstehende junge Männer sollten abgeschoben werden, einige waren schon in Abschiebehaft genommen worden. Mohammad Nazir Momand von der Redaktion von tünews INTERNATIONAL war bei der Demonstration. „Etwa 40 Personen waren da, afghanische Geflüchtete und deutsche Ehrenamtliche“, berichtet er. Die geplanten Abschiebungen sieht er im Zusammenhang mit den Verträgen der EU und der Bundesregierung mit Afghanistan von 2016, wonach Bedingung für die Milliarden von Aufbauhilfe, die Afghanistan erhalten soll, die Bereitschaft zur Rücknahme von Flüchtlingen sei. „Die afghanische Regierung soll dafür die Sicherheit und Arbeitsplätze für die Rückkehrer garantieren“, so Mohammad.

Dass das nicht funktioniert, zeigt der Fall eines Bekannten: „Er wurde vor drei Jahren abgeschoben, obwohl er gut integriert war. Er hatte den B 1-Sprachtest bestanden und hatte Arbeit. Direkt vom Arbeitsplatz wurde er abgeholt. Seinen Laptop hat man ihm abgenommen, denn er sei ja auch ohne ihn nach Deutschland gekommen. Ich höre immer wieder von ihm. Er lebt in Kabul und fühlt sich überhaupt nicht sicher und kann nur durch die Hilfe eines Onkels überleben, bei dem er wohnt.“ Und er sei so verzweifelt, dass er versuchen werde, wieder nach Deutschland zu kommen. Vielleicht sei er schon unterwegs, denn seit einiger Zeit sei er nicht mehr erreichbar.

„Afghanistan soll ein sicheres Land sein? Warum wird dann alle paar Tage über terroristische Anschläge berichtet? Alle meine Freunde und Verwandten in Afghanistan fühlen sich nicht sicher“, sagt Mohammad. Er verweist auf den Anschlag vom 4. November auf die Universität Kabul mit 35 Todesopfern und zuvor schon am 25. Oktober auf einen Sprachkurs mit 31 Toten. „Der IS hat sich zu diesen Anschlägen bekannt. Der IS will ebenso wie die Taliban verhindern, dass Frauen an Bildung teilhaben, was in Kabul inzwischen selbstverständlich ist.“ Vor einer Woche gab es viele weitere Tote durch einen Raketenangriff des IS auf ein Wohngebiet. Im Global Peace Index 2020 des Institute for Economics & Peace in Sydney wird Afghanistan als gefährlichstes Land der Welt aufgeführt, noch hinter dem Jemen, Südsudan und Syrien.

Der Abschiebeflug wurde wieder gestrichen, weil die afghanische Seite wegen der Corona-Situation Bedenken bekommen hatte, das meldete Pro Asyl. Nach einer Hochrechnung des afghanischen Gesundheitsministeriums seien in dieser zweiten Welle der Pandemie knapp ein Drittel der rund 35 Millionen Einwohner infiziert, in Kabul sogar bis zu 50 Prozent. Mohammad bestätigt das: „In der ersten Welle hat die Quarantäne funktioniert. Jetzt akzeptieren das die Leute nicht mehr, weil es keine Unterstützung von der Regierung gibt. Sie können keine Abstände einhalten, sie müssen irgendwie Geld verdienen und sich Lebensmittel besorgen, um nicht zu verhungern.“ Hinzu komme die Tradition im Zusammenleben: „Wer Corona hat, schämt sich und kann es nicht zeigen. Wenn man sich zur Begrüßung nicht umarmt, gilt das als große Unhöflichkeit. So als würde man den Anderen ignorieren.“

Mohammads Fazit: „Die Menschen sind müde, seit fast 40 Jahren gibt es keinen Frieden mehr. Sie werden zerrieben zwischen Krieg, Terror und der Pandemie. Sie sind wie auf der Mitte einer Brücke und können in keine Richtung gehen. Denn beide Richtungen würden sie in Probleme bringen, ob sie sich der Regierung oder den Taliban zuwenden.“ Große Hoffnung in die Friedensgespräche hat Mohammad nicht: „Die Verhandlungsparteien sitzen in einem schönen Hotel in Qatar und haben gutes Essen. Weil sich beide Seiten gegenseitig nicht akzeptieren, kommen sie zu keinem Ergebnis.“

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Foto: Kabul/WikimediaCommons

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