Neue Studie zeigt Vorurteile über Clankriminalität auf

Seit 2018 ist in Medienberichten häufig von sogenannter „Clankriminalität“ von arabisch-türkischen bzw. kurdischen Großfamilien die Rede und es werden Vergleiche mit der Mafia hergestellt. Der Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba vom Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa hat Mitglieder solcher Familien über mehrere Jahre hinweg begleitet und interviewt. Im Mediendienst Integration präsentierte er jetzt zentrale Ergebnisse seiner Forschungen.

Demnach seien die Großfamilien keine homogene Gruppe unter der Führung eines Clan-Chefs. Im Gegenteil gebe es Meinungsdifferenzen und Spaltungen unter den Familienmitgliedern, die sich oft gar nicht kennen würden. Jaraba: „Nur wenige Angehörige der Großfamilien sind kriminell. Allerdings erhalten diese Personen viel Aufmerksamkeit von Medien und Politik. Wenn Angehörige der Familien kriminell werden, so findet das in der Regel innerhalb der Kernfamilie und nicht in der Großfamilie statt.“ Auch gebe es viel interne Kritik an straffälligen Familienmitgliedern. „Angehörige der Großfamilien fühlen sich ungerecht behandelt, weil sie für das Fehlverhalten eines kleinen Personenkreises verantwortlich gemacht werden“, so Jaraba.

Die Geschichte dieser geschätzt 35 bis 50.000 Personen umfassenden Gruppe ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Aufgrund schwieriger Lebensbedingungen und politischer Unterdrückung in der Provinz Mardin im Südosten der Türkei sind viele von ihnen schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Libanon umgesiedelt. Auch dort haben sie Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt, bis der Bürgerkrieg sie Ende der 1970er Jahre zwang, das Land in Richtung Europa zu verlassen. Sie kamen als staatenlose Flüchtlinge nach Deutschland, ihre Asylanträge wurden in der Regel abgelehnt. Seitdem lebten viele von ihnen als Geduldete und stießen deshalb immer wieder auf bürokratischen Hürden etwa bei der Arbeitssuche.

In der Regel wollen Angehörige aber nicht mit der Polizei zusammenarbeiten, so Jarabas Erkenntnis. Sie haben wenig Vertrauen in staatliche Institutionen. Das liegt laut Jaraba unter anderem daran, dass sie sich aufgrund ihres Familiennamens unter Generalverdacht gestellt fühlen. „Um die Menschen für sich zu gewinnen, muss die Polizei Vertrauen zu diesen Gruppen aufbauen und Brücken schlagen“, schlägt Jaraba vor.

Auch die Kriminologin Daniela Hunold, die an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster lehrt, sieht das Problem der Clankriminalität in den Medien verzerrt dargestellt, wie sie in einer Podiumsdiskussion erklärte: „Die Polizistinnen und Polizisten, die wir im Rahmen unserer Forschungsarbeit begleitet und interviewt haben, sahen dieses Gefährdungspotenzial überhaupt nicht in der Form. Clankriminalität hat im polizeilichen Alltag so gut wie keine Rolle gespielt.“

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Hinweistafel zum Polizeirevier. Foto: tünews INTERNATIONAL / Mostafa Elyasian.

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