Quarantäne: Eine Herausforderung für die ganze Familie

Von Ute Kaiser

14 Tage Ferien fühlen sich für Kinder kurz an. 14 Tage Quarantäne dagegen ziehen sich wie Kaugummi. Das erlebte eine Tübinger Familie rund um Ostern. Der zehnjährige Sohn war in der Grundschule positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Auch der PCR-Test war positiv. Danach änderte sich für ihn, seine drei und zwölf Jahre alten Brüder und die Eltern das gewohnte Leben grundlegend. tünews INTERNATIONAL sprach mit dem 53-jährigen Vater über diese Zeit.

Einige Stunden nach dem PCR-Test-Ergebnis vergingen mit Telefonaten: mit dem Gesundheitsamt, mit Eltern von MitschülerInnen und FreundInnen auch des älteren Sohnes, mit den Arbeitgebern von Mutter und Vater, mit Nachbarn, mit den Haus- und dem Kinderarzt. Der Zehnjährige fühlte sich schuldig. „Er war richtig bedrückt.“ Auch weil der Zwölfjährige sauer auf seinen jüngeren Bruder war und ihm vorwarf, dass er wegen ihm nicht mehr in die Schule darf. Der Zehnjährige brauchte Trost.

Es war eine Herausforderung für die Eltern, die Jungen den Quarantäne-Regeln entsprechend in der plötzlich engen Wohnung zu beschäftigen. Sie waren es gewohnt, andere Kinder zu treffen, mit ihnen zu spielen und draußen Sport zu machen. Das durften sie nicht mehr. Zum Glück gibt es vor der Wohnung einen Garten. Den nutzten die Jungen auch zum Radfahren. Nur ein kleiner Ersatz.

Glücklich darf sich schätzen, wer in Quarantäne einen Garten nutzen kann. Foto: Martin Klaus.

Die Eltern brauchten zunächst viel Energie, um Alltagsdinge wie Einkäufe zu organisieren. Fünf Leute, davon drei Jungen, die eine Menge essen können, sollten satt werden. Dank Lieferdiensten, hilfreichen Nachbarn und Bekannten funktionierte es. Nach der Anspannung und dem Organisations-Stress der ersten Tage kam die Erschlaffung. „Die Stimmung war ein bisschen wie an einem Wochenende – nur ohne Ausflug.“ Die Familie durfte das Grundstück ja nicht verlassen.

Für einen PCR-Test der vier restlichen Familienmitglieder war es da noch zu früh. Nicht zu wissen, ob auch Eltern oder Brüder infiziert waren, ging an die Nerven: „Man horcht die ganze Zeit in sich rein.“ Doch niemand hatte Symptome. Und der PCR-Test ein paar Tage später war bei den Eltern und den beiden anderen Jungen negativ. Dennoch mussten sie in Quarantäne bleiben.

Quarantäne bedeutet auch viel Papierkram und Organisation. Foto: Martin Klaus.

Der Dreijährige war sehr traurig, weil er die Oster-Überraschung im Kindergarten wegen der Quarantäne verpasste. Die Großeltern retteten den Ostersonntag. Sie versteckten in der Nacht zuvor Eier und Süßigkeiten im Garten. Die Kinder waren glücklich und traurig zugleich, weil sie ihre Großeltern nicht besuchen durften.

Beide Eltern arbeiteten im Homeoffice. Schaffen zu Hause in Quarantäne ohne eigenes Arbeitszimmer empfand der Vater als anstrengend: „Ein Problem ist, loslassen zu können.“ Außerdem stellten die Kinder ebenso Ansprüche an ihre Eltern wie der Job. Während der Videokonferenzen des Vaters schickte seine Frau die Jungen in den Garten. Genau zu dieser Zeit hätten sie ihm gern gezeigt, was sie mit Legosteinen gebaut hatten – zum Beispiel den Flüssiggastanker.

Wer in Quarantäne die Zeit findet, kann auch mal wieder lesen. Foto: Martin Klaus.

Homeschooling, basteln, spielen, Matratzenlager bauen, um die Kinder zu beschäftigen und Streit möglichst zu verhindern: „Man muss aktiv und kreativ sein.“ Doch nach den negativen PCR-Tests kam ein Tiefpunkt. Die Familie durfte sich weiterhin nur zwischen Wohnung und Garten davor bewegen. Da tröstete es auch kaum, dass „Licht am Ende des Tunnels zu sehen war“, weil das Ende der Quarantäne nahte.

„Eigentlich ist es uns gut gegangen, bis aufs Nicht-Weggehen“, fasst der Vater die Erfahrungen der Familie zusammen. „Wir hatten keine wirtschaftlichen Sorgen, waren technisch gut ausgestattet und sind nicht krank geworden.“ Doch nach der „ein bisschen abenteuerlichen Episode“ hatte er ein zwiespältiges Gefühl, als er zum ersten Mal wieder beim Bäcker und im Weinladen war: einerseits Freude über die wiedergewonnene Freiheit und andererseits ein diffuses Gefühl, Gefahren ausgesetzt zu sein.

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Mit Freunden treffen ist in Quarantäne nicht erlaubt. Foto: Martin Klaus.

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