Sprache ist der Schlüssel

Integration

Sprache ist der Schlüssel

von Ute Kaiser

 

Naeem Nazari weiß aus Erfahrung, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. 1984, als er zwei Jahre jung war, ist seine Familie mit ihm aus Afghanistan in den Iran geflohen. In der Heimat bekämpften sich die von der Sowjetunion unterstützte Regierung und von der USA gestützte Widerstandsgruppen.

Nazari hatte in der Schule im Iran keine Probleme und bestand das Abitur. Doch Geflüchtete durften dort nicht studieren. Das wollte er aber unbedingt. Deshalb kehrte er 2006 zum Studium nach Afghanistan zurück und gab dafür einen Job im Iran auf. 2007 begann er, in Herat Germanistik zu studieren. Dieser Entschluss sollte sein weiteres Leben beeinflussen.

Nazari machte in Herat den Bachelor-Abschluss und arbeitete eine Weile als Dozent an der Uni. Er hätte gern noch den Master und eine Promotion angeschlossen. Aber der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) beendete die Förderung der Universität.

Notgedrungen wechselte Nazari als Dolmetscher zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das war gefährlich. Sogenannte Ortskräfte ausländischer (Hilfs-)Organisationen wurden bedroht. Die Familie verließ das Land erneut.

Nazari kehrte im Herbst 2014 als Student nach Deutschland zurück. Er kannte das Land schon von zwei Geschäftsreisen für die GIZ und einem einmonatigen Aufenthalt als Stipendiat in Essen. Das Studium in Saarbrücken fiel ihm leicht. Aber er fand keine Arbeitsstelle. Die hätte er jedoch für den berufsbegleitenden Studiengang mit Schwerpunkt Entwicklungshilfe gebraucht.

Nazari arbeitete deshalb erneut für die GIZ. Er übersetzte drei Bücher für die berufliche Bildung. Die GIZ verteilte sie an allen beruflichen Schulen in Afghanistan. Außerdem engagierte er sich seit 2015 als Freiwilliger für Geflüchtete. Seine Sprachkenntnisse waren gefragt – im Ehrenamt, aber auch in Jobs. Zunächst war er Dolmetscher beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dann wechselte er zur Bundesagentur für Arbeit in Montabaur.

Seit Sommer 2018 kümmert er sich als Integrationsmanager beim Landratsamt Tübingen um die Anliegen von knapp 90 Geflüchteten in Dußlingen. In seiner Gesprächsstunde im Rathaus oder bei Hausbesuchen spricht der 36-jährige Vater einer kleinen Tochter mit den Geflüchteten über alle möglichen finanziellen und bürokratischen Fragen des Lebens. Seien es Briefe vom Jobcenter, Anträge für Geldleistungen oder Probleme bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Als Integrationsmanager redet er mit ihnen aber auch intensiv über ihre Ziele – und wie sie die erreichen können. Er hat – auch aus eigener Erfahrung – viel dazu zu sagen.

Als studierter Germanist hat Nazari keine Probleme mit der deutschen Sprache. Im Berufsalltag erlebt er immer wieder, wie wichtig die Sprache für die Integration ist. Nazari sieht sie als „Dreh- und Angelpunkt“. Er fände es deshalb gut, wenn jeder Asylsuchende sofort und unabhängig vom Stand des Asylverfahrens einen Integrationskurs mit 20 Stunden Sprachunterricht pro Woche besuchen dürfte.

Von Nazaris Sprachkenntnissen und Sachwissen profitiert auch die Redaktion von TÜnews international bei ihren wöchentlichen Sitzungen.

 

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