Sprichwörter sind ein Mittel der kulturellen Kommunikation: sie überschreiten Zeit und Ort

Von Youssef Kanjou

Sprichwörter sind ein kulturelles Ausdrucksmittel und stammen aus der Erfahrung einer Sprachgemeinschaft. Sie sind eng verknüpft mit der Entstehung von Wissen bei den Mitgliedern dieser Gemeinschaft. Sprichwörter können auch eine Aufzeichnung von wichtigen Ereignissen sein, die Völker erlebt haben.

Auch scheinen Sprichwörter sehr alt zu sein, sie tauchen gleichzeitig mit der Entdeckung von Schrift, Geschichten, Literatur und Legenden auf. So finden wir zum Beispiel in einem der Keilschriftdokumente aus dem Königreich von Mari aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. die Verwendung eines beliebten Sprichworts. Der Herrscher der Stadt verwendet es in einem Brief an seinen Sohn: „Eine Hündin hat in Eile blinde Welpen geboren.“ Das wird im Nahen Osten bis heute häufig verwendet

Die Kommunikation zwischen Völkern, sei es direkt oder über andere Medien wie Bücher und Zeitungen, verhilft Sprichwörtern zu Popularität und Verbreitung unter den Nationen. So kommen viele Sprichwörter in verschiedenen Ländern im gleichen Sinn und mit leichten Abwandlungen vor. Das arabische Sprichwort: „Zwei Wassermelonen kann man nicht in einer Hand tragen“ lautet im Deutschen: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen.“

Mamoun Fansa (ein deutscher Prähistoriker syrischer Herkunft) listet in seinem Buch „Aleppo literarisch. Gedichte, Geschichte und Sprüche“ (2018) viele Sprichwörter aus dem syrischen Dialekt von Aleppo und ihre Entsprechungen in der deutschen Sprache auf. Der Anteil von Ähnlichkeiten zwischen beiden Sprachen liegt bei etwa 40 Prozent. Beispiele dafür sind:

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

„Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg“.

„Alle Wege führen zur Mühle.“ (Arabisch) „Alle Wege führen nach Rom.“ (Deutsch)

„Ist ein Dichter gestorben, verfault seine Zunge nicht.“ (Arabisch) „Wer schreibt, der bleibt.“ (Deutsch)

„Wer alles will, verliert alles“ (Arabisch) „Wer alles will, bekommt am Ende nichts.“ (Deutsch)

„Ein kleines Haus kann viele Freunde beherbergen.“ (Arabisch) „Platz ist in der kleinsten Hütte.“ (Deutsch)

In der arabischen Welt gibt es ein Sprichwort mit der gleichen Bedeutung: „Alle Wege führen zur Mühle.“ Und so führt die Straße sicher auch zu einer Mühle in Syrien, wie man sie im zweiten Bild sieht. Foto: Samir Ali.

Die große Zahl von Geflüchteten aus Syrien in Deutschland wird unweigerlich dazu beitragen, dass immer mehr volkstümliche Sprichwörter durch mündliche und schriftliche Kommunikation in die deutsche Sprache übernommen werden.

Syrer verwenden volkstümliche Ausdrücke und Sprichwörter als Mittel der Konversation, um sich mit der deutschen Bevölkerung während der Arbeit und des Studiums zu verständigen, aber auch in literarischen Schriften. Das ursprüngliche kulturelle Umfeld eines Menschen wirkt sich oft auf die neu erlernte Sprache aus. Die sozialen Medien für Syrer in Deutschland zeigen schöne Beispiele, syrische volkstümliche, meist dialektale Ausdrücke und Sprichwörter in die deutsche Sprache einzuführen. Hier zwei Beispiele:

„Ich gebe dir ein Wort, mach es zu einem Ring auf deinem Ohr.“

„Ich sitze ungerade, aber ich rede gerade.“

Beides bedeutet: „Ich sage die Wahrheit“ und wird in einem satirischen Video von „WDRforyou“ in einem Dialog beim Job Center verwendet. (Ausländer im Jobcenter – YouTube , ab Minute 6.)

Lange Zeit war der Schriftsteller Rafik Schami die Hauptquelle für die Übertragung des syrischen sozialen Kulturerbes in die deutsche Sprache. Jetzt wird es viele Personen geben, die die syrische Kultur in die deutsche Gesellschaft einführen, indem sie in deutscher Sprache schreiben – sei es im Bereich der Literatur, des Journalismus oder der sozialen Medien. Wir werden zukünftig sehen, ob dadurch mehr arabische Sprichwörter und Ausdrücke in die deutsche Sprache eingeführt werden. Umgekehrt werden viele deutsche Sprichwörter von den Geflüchteten verwendet, auch wenn sie arabisch sprechen, wenn es keine arabische Entsprechung gibt.

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Alle Wege führen nach Rom“ – dieses in Europa verbreitete Sprichwort meint, dass es verschiedene Wege gibt, um zu einem Ziel zu kommen. So führte auch diese aus der römischen Zeit erhaltene Straße über eine antike Brücke im Nordwesten Syriens sicher nach Rom. Foto: Youssef Kanjou.

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