Stärken und Schwächen

Integrationskurs

Stärken und Schwächen

Von Michael Seifert

Der Integrationskurs ist Pflicht für alle anerkannten Geflüchteten und von ganz zentraler Bedeutung für ihre Eingliederung in die deutsche Gesellschaft. Er ist vielfach auch öffentlich in der Kritik: So forderte Annette Widmann-Mauz, Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration, 2018 eine „Qualitätsoffensive für die Integrationskurse“. Denn: „In den Jahren 2017 / 2018 ist die allgemeine Bestehensquote beim Sprachtest B1 auf unter 50 Prozent gesunken.“

Wir fragten die Mitglieder der Redaktion von tünews INTERNATIONAL nach ihren persönlichen Erfahrungen im Integrationskurs. Das Spektrum der Meinungen geht sehr weit auseinander, von sehr positiv bis sehr negativ. Feras Trayfi aus Syrien meint: „Im Integrationskurs habe ich am besten Deutsch gelernt. Am interessantesten war für mich die kulturelle Vielfalt. Wir waren 24 Teilnehmer aus 22 Ländern, deshalb wurde immer nur Deutsch gesprochen. Es war immer interessant, neue Erfahrungen, neue kulturelle Besonderheiten und unterschiedliche Traditionen zu hören und zu lernen. Die Atmosphäre war sehr familiär und schön.“ Dagegen Oula Mahfouz: „Ich habe in Integrationskurs nicht viel gelernt, weil ich im B1-Kurs sechs Lehrkräfte hatte und sie waren nicht alle gut, weil wir 25 Teilnehmer waren, weil die Teilnehmer nicht auf dem gleichem Niveau waren und weil die Zeit zu kurz war.“ Einzelne Kritikpunkte kommen von Sameer Ibrahim aus dem Irak wie zum Besipiel: „In den Prüfungstexten gab es viele Wörter, die davor nie behandelt wurden und somit war es sehr schwierig, die Texte zu verstehen.“ Oder vom Syrer Mohammed Kheer Hazeem: „Negative Erfahrungen waren, dass es viele Leute gab, die die gleiche Sprache sprachen, was das Erlernen der deutschen Sprache zum Teil schwierig machte. Und ich fand auch nicht gut, dass Englisch sehr viel und mehr als nötig benutzt wurde.“ Schließlich Mohammad Momand: „Meine Erinnerung an den Integrationskurs ist davon bestimmt, dass ich als Afghane alles selbst bezahlen musste, weil ich kein Anrecht auf einen Integrationskurs hatte. In unserem Kurs war das Hauptproblem immer Nominativ, Dativ und Akkusativ – und noch heute habe ich das Problem.“

Detaillierte Kritikpunkte kommen auch von den Lehrkräften, die im Gespräch von den größten Problemen berichten: die teils schwierige persönliche Situation der Teilnehmer, etwa die laufenden Asylverfahren oder die Wohnsituation und Traumatisierungen, oder die Heterogenität der Lerngruppen. Hinzu kommt die starke Fluktuation der Lehrkräfte, die fast immer nur Honorarverträge haben. Kritik gibt es auch an zu hohen Teilnehmerzahlen und insgesamt zu wenig Zeit, um möglichst viele Lernende mit ihren ganz unterschiedlichen Voraussetzungen mitnehmen zu können. Schließlich sollen auch vielfach Lehrkräfte mit fehlender didaktischer Ausbildung tätig sein, hier reiche ein zweiwöchiger Crashkurs des BAMF nicht aus.

Ist der Integrationskurs vielleicht doch besser als sein Ruf? Um das herauszubekommen bin ich mit Gerlinde Schroth verabredet, Abteilungsleiterin für den Fachbereich Deutsch/Integration bei der Volkshochschule Tübingen (VHS), die selbst von 2005 bis 2009 als Lehrerin in den Kursen tätig war. Seit zehn Jahren organisiert und verantwortet sie nun die Kurse und hospitiert und beobachtet dabei auch sehr viel.

Die Erfolgszahlen sind für die VHS Tübingen etwas besser als im Bundesdurchschnitt, so Schroth. „Personen, die erst einen Alphabetisierungskurs machen müssen, weil sie das lateinische Alphabet nicht kennen, schneiden in der B1-Prüfung mit nur 13,4 % mit dem Ergebnis B1 und 57 % mit dem Ergebnis A2 natürlich deutlich schlechter ab als die Teilnehmenden der allgemeinen Integrationskurse, von denen 64 % mit dem Ergebnis B1 bestehen. Der Schnitt aller Teilnehmenden liegt bei 52 %.“ Die kulturelle Vielfalt der Teilnehmenden sieht sie als wichtigen positiven Faktor: „Die Leute profitieren voneinander, begreifen sich als Team, tauschen sich über die unterschiedlichen Traditionen, aus denen sie kommen, aus. Das ist mehr als sprachliche Verständigung und führt hin zur Vermittlung der deutschen Kultur mit wichtigen Werten wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und Toleranz.“ Im Integrationskurs gehe es um mehr als Sprache, man müsse auch Konflikte bewältigen können.

Ein großes Problem sind für Gerlinde Schroth die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Teilnehmenden mitbringen. „Die lateinische Schrift wirklich lesen und schreiben zu können, ist eine Voraussetzung für ein normales Tempo in den Kursen. Es wäre wünschenswert, die Kurse differenzierter zu befüllen, aber das geht in der Realität oft nicht, weil die Kursplätze knapp sind.“ Und schließlich gibt es Personen, die nie in die Schule gegangen sind und keine Schrift gelernt haben. „Hut ab vor denen, die sich dann noch bis A2 durchkämpfen“, meint Schroth.

Oft wird kritisiert, dass in den Kursen zu viel Frontalunterricht stattfinde und die Kommunikation der Teilnehmer untereinander zu kurz komme. Schroth fordert von den Lehrkräften der VHS Methodenvielfalt und sieht sie auch in den Hospitationen im ständigen Wechsel zwischen Erklärungen, Übungen, Gruppenarbeit und Spielen verwirklicht.

Welche Wünsche hat Gerlinde Schroth für eine Neuorganisation der Integrationskurse? „Man sollte den Menschen mehr Zeit geben als dies in den Vorgaben des Jobcenters und des BAMF erfolgt. Dann würde es ihnen besser gehen, es gäbe mehr Entspannung und Motivation in den Kursen. Und dann würden sich die vielen alltäglichen Probleme der Teilnehmer auch weniger auf den Kurs auswirken.“ Eine neue Kursart für langsam Lernende, die in 900 statt 600 Stunden zur B1-Prüfung führt, wäre eine große Verbesserung. So wie man es in der Vergangenheit schon schwangeren Frauen und Frauen mit kleinen Kindern ermöglicht hat. Schließlich wünscht sich Gerlinde Schroth mehr Sicherheit für die Lehrkräfte als die derzeitige Beschäftigung auf Honorar-Basis.

Zum Schluss erwähnt Schroth noch ein neues Angebot: Jetzt gibt es für Arbeitende den Abendintegrationskurs an zwei Abenden und am Samstag, der sehr stark nachgefragt wird.

Einige der Reformvorschläge von Staatsministerin Annette Widmann-Mauz wurden inzwischen vom zuständigen Bundesinnenministerium aufgegriffen und zum Teil in Pilotprojekten umgesetzt. So müssen Lehrkräfte für die Alphabetisierungskurse nun eine Zusatz-Qualifizierung nachweisen und es wurden Anreize für Träger von Kursen geschaffen, mehr Alphakurse anzubieten. Auch werden die Wartezeiten auf Plätze in Integrationskursen durch eine stärkere Zusammenarbeit mit Kommunen verkürzt. Auf Nachfrage von tünews INTERNATIONAL erklärte Annette Widmann-Mauz, dass es ihr sehr wichtig sei, dass mehr Einwanderer den Integrationskurs erfolgreich abschließen: „Denn es geht nicht nur um ein Häkchen auf dem Papier, sondern darum, die Menschen zu befähigen, gesellschaftlich und beruflich Fuß zu fassen. Es ist gut, dass der Bundesinnenminister konkrete Schritte eingeleitet hat, die Qualität der Integrationskurse zu verbessern.“

 

####Kasten zum Artikel über den Integrationskurs

Der Integrationskurs ist nicht alles. Auch auf die Ehrenamtlichen kommt es an. Stimmen aus der tünews-Redaktion:

Oula Mahfouz:

„Die Ehrenamtlichen haben für mich eine große Rolle gespielt. Ich hatte wöchentlich zwei Mal 90 Minuten Deutschkurs in einem Asylheim, und das war sehr sinnvoll. Die Freundschaft mit den Ehrenamtlichen aus dem Helferkreis war ein wichtiger Grund, weshalb ich Deutsch gelernt habe.“

 

Sameer Ibrahim

„Die Ehrenamtlichen haben eine wichtige Rolle in den ersten neun Monaten gespielt, als ich noch keine Genehmigung für einen Integrationskurs hatte. Die entstandenen Kontakte zu Ehrenamtlichen waren während des Integrationskurses gut, um einen Ansprechpartner bei Fragen zu haben. Kontakte zu deutschen Freunden waren wichtig, um die deutsche Sprache zu üben und die deutsche Kultur kennenzulernen.“

 

Mohamad Alwawi:

„Ehrenamtliche Hilfe war für mich entscheidend. Mit einem 63jährigen Freund und Sprachlehrer habe ich gelernt, was ich in keinem Sprachkurs lernen kann. So habe ich Redewendungen gelernt und viele Gespräche geübt.“

 

Feras Trayfi:

„Unterstützung durch einen ehrenamtlichen Sprachkurs hat mir neben dem Integrationskurs sehr geholfen. So hatte ich täglich zwei Stunden zusätzlich zum Integrationskurs. Dort konnte ich üben, was ich im Kurs gelernt hatte.“

 

Mohammed Kheer Hazeem:

„Für mich spielten die Ehrenamtlichen gar keine Rolle beim Erlernen der deutschen Sprache.“

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