Vor 6000 Jahren fand der erste Krieg auf syrischem Boden statt

Von Youssef Kanjou

Es ist schwer zu bestimmen, wann Menschen den Krieg erfunden haben und wann sie anfingen, Kämpfe als Mittel zum Erreichen von herrschaftlichen, politischen und sozialen Zielen zu nutzen. Vor Erfindung der Schrift sind die einzigen Quellen zur Beantwortung dieser Frage archäologische Ausgrabungen. Durch sie wurden viele historische Schlachtfelder entdeckt. Die antiken Befunde zeigen uns, dass Konflikte zunächst selten waren. Der Mensch lebte in den frühen Phasen seines Lebens auf der Erde in friedlichen mobilen Gruppen. Anzeichen von Kriegen tauchen erst ab Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. auf, als sich antike Städte und Königreiche mit Mauern und Burgen bildeten.

Die syrisch-amerikanischen Ausgrabungen in Tell Hamoukar im Nordosten Syriens nahe der irakischen Grenze fanden 2005 bis 2006 erstaunliche Zeichen eines Krieges, der etwa vor 5500 Jahren stattfand. Die ForscherInnen stellten massive Zerstörungen in großem Ausmaß fest: Schwere Bombardements mit Steinschleudern führten zum vollständigen Einsturz von Mauern und Gebäuden und zum schnellen Abbrennen der Stadt. In den Ruinen der Stadt fanden die ArchäologInnen auch etwa 1200 ovale, spitze Kugeln aus Ton, die im Krieg verwendet wurden. Jede Kugel war 2,5 cm lang und hatte einen Durchmesser von 3,5 cm. Sie fanden auch 120 weitere runde Kugeln aus Ton mit einem Durchmesser von 6 bis 10 cm. Es muss ein heftiger Kampf zwischen zwei Mächten im vierten Jahrtausend v. Chr. gewesen sein, der eine Zeit lang in der Stadt tobte.

Bei den Ausgrabungen wurden auch die Orte für die Herstellung dieser Waffen entdeckt, und es wurde festgestellt, dass einige der Schleuderkugeln in die Mauern eingedrungen waren. Die Menschen in der Stadt setzten verschiedene Mittel zur Verteidigung ein: So verwandelten sie Tonkugeln, die für mathematische Rechnungen verwendet wurden, in Kriegswerkzeuge.

Historische Kriegswaffen im Archäologischen Museum von Aleppo: Hier bereits aus Metall und nicht mehr aus Tonkugeln wie im ersten Krieg auf syrischem Boden. Foto: Youssef Kanjou.

Zwölf Skelette von Menschen wurden in den Ruinen gefunden, die deutliche Anzeichen aufwiesen, dass sie in der Schlacht gefallen waren. Die ArchäologInnen entdeckten auch Beweise für eine schnelle Flucht von Menschen aus der Stadt: Die Werkzeuge, die die Menschen im täglichen Leben benutzten, blieben an ihrem Platz unter den zerstörten Gebäuden, was darauf hindeutet, dass die Fliehenden nicht genug Zeit hatten, sie mitzunehmen. Gleichzeitig half dies den ArchäologInnen, die Funktion der Gebäude zu bestimmen, sei es in Bezug auf die Religion, Verwaltung, Produktion oder sogar die Lage der Küchen. Das war nur aufgrund dieses plötzlichen Krieges möglich. Außerdem scheint es, als hätten die damaligen BewohnerInnen der Stadt die Gefahr im Voraus geahnt und deshalb eine etwa drei Meter dicke Mauer um die Stadt gebaut.

All diese Funde sind ein wichtiger Beweis dafür, dass die älteste organisierte Schlacht in Mesopotamien in Tell Hamoukar im Nordosten Syriens stattgefunden hat. In dieser Zeit entstanden die ersten Städte und diese stellten einen wichtigen Wendepunkt im Leben der Menschheit dar. Und diese Entwicklung scheint auch der Beginn von organisierten Kriegen zu sein.

Eine Frage stellt sich nun: Werden die ArchäologInnen der Zukunft auch in der Lage sein, die großen Zerstörungen zu erklären, die beispielsweise in syrischen Städten und Dörfern während des aktuellen Konflikts entstanden sind?

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6000 Jahre nach dem ersten Krieg in Syrien: Zerstörungen der Altstadt von Aleppo im aktuellen Krieg. Foto: S. Zakor.

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