Weltkulturerbe Hagia Sophia wird Moschee

Über eine internationale Kontroverse und Visionen

Von Youssef Kanjou und Michael Seifert

Am 24. Juli 2020 wurde die Hagia Sophia in Istanbul als Moschee wiedereröffnet. Zuvor war sie ein Museum, das mit jährlich über 3 Millionen Besuchern die Haupt-Touristenattraktion in der Türkei ist. Der türkische Staatspräsident hatte dies einige Wochen zuvor entschieden und verkündet, nachdem das höchste türkische Gericht den Weg dafür frei gemacht hatte. Recep Erdoğan löste damit eine internationale Kontroverse mit vielen Protesten aus. Aber warum scheint sich die halbe Welt über dieses Thema zu streiten?

Die Hagia Sophia steht seit 1985 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.  Sie wurde unter dem römischen Kaiser Justinian 537 n. Chr eröffnet. An ihrem Bau, der fünf Jahre dauerte, waren fast 10.000 Arbeiter beteiligt. Die Kirche wurde nicht wie üblich nach einem christlichen Heiligen genannt. Der Name “Hagia Sophia” bedeutet „göttliche Weisheit“. Das Gebäude ist 82 m lang, die Kuppel ist 55 m hoch und der Durchmesser beträgt 30 m, es ist zur Zeit das höchste religiöse Gebäude in Istanbul.

Im Laufe ihrer Geschichte hat die Hagia Sophia wie ein Mosaik Abdrücke und Einflüsse der römischen und byzantinischen Kunst aufgenommen, ganz zu schweigen von den islamischen Einflüssen: das hat aus ihr ein weltweit einzigartiges architektonisches Bauwerk gemacht. 916 Jahre lang war sie Kathedrale, fast 481 Jahre lang eine Moschee und etwa 85 Jahre lang ein Museum.

Trotz all dieser Veränderungen sind die architektonisch-künstlerischen Qualitäten des Gebäudes nicht verringert worden.

Als die Osmanen 1453 Konstantinopel eroberten, wurde die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt, dafür wurden vier Minarette hinzugefügt.  Das Hauptgebäude wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Die byzantinischen Kunstformen im Inneren blieben unter einer Gipsabdeckung erhalten. Hinzugefügt wurden islamische Motive. Einige von ihnen wurden später wieder abgenommen, wodurch die christlichen Fresken wieder zu sehen waren.

1936 wurde die Hagia Sophia durch den Staatsgründer der modernen Türkei Kemal Atatürk in ein Museum umgewandelt, in dem aber nicht wie in den großen Museen Antiquitäten ausgestellt wurden. Das Gebäude selbst wurde zu einem archäologischen Meisterwerk. Das unterscheidet sie von der üblichen Vorgehensweise der Moderne: Eine große Anzahl archäologischer Gebäude wurden zu Museen, um sie zu erhalten und ihnen Leben einzuhauchen.

Zur Einweihung der Moschee durch das Freitagsgebet am 24. Juli kamen, wie berichtet wird, 350.000 Menschen aus der ganzen Türkei, die in einem großen Gebiet rund um das Gebäude beteten. Das zeigt die große symbolische Bedeutung der Hagia Sophia für die Muslime in der Türkei. Die Atmosphäre hat die Korrespondentin des Deutschlandfunks Susanne Günten als friedlich und freundlich und gleichzeitig als feierlich erlebt: „Es war den Menschen offensichtlich wichtig, an diesem Tag da zu sein. Ein Tag, den sie als Einschnitt in der Geschichte der Republik wahrnehmen, aber auch als einen Wendepunkt in ihrem eigenen Leben.“

In die Moschee selbst durften aber nur wenige geladene Gäste von Staatschef Erdoğan. Im Inneren waren die weltweit einmaligen christlichen byzantinischen Fresken durch weiße Tuchbahnen verhängt, die dort aber nur während der Gebetszeiten hängen sollen. Es ist ganz klar, dass in der Ayasofya (so der türkische Name) weiterhin Besuchern der Zutritt (jetzt sogar kostenlos) erlaubt sein wird, wie es auch bei allen anderen Moscheen von Istanbul der Fall ist – unabhängig von den touristischen oder religiösen Zielen des Besuchs.

Soweit wäre doch eigentlich alles gut? Nicht ganz, denn die Umwandlung hat auch ganz klar eine politische Bedeutung und ist Gegenstand der politischen Propaganda. Das zeigte sich besonders in dem Moment, als der Leiter des türkischen Religionsamtes auf die Kanzel stieg, um die Predigt zu halten, und dabei ein Schwert trug. Dieses Schwert von Sultan Muhammad, der Istanbul im 15. Jahrhundert besetzte, kann gesehen werden als Symbol der muslimischen Rückeroberung des Gebäudes, das durch die Trennung von Staat und Religion durch Atatürk „verloren“ gegangen war. Viele Beobachter schreiben Erdoğan auch den Traum von einer Wiedergeburt des osmanischen Reiches unter seiner Führung zu, worauf auch der Bau großer Moscheen auf dem Balkan hinweise, die er finanziert.

Dagegen steht die Überzeugung, dass die Hagia Sophia für viele Völker eine historische, archäologische und religiöse Bedeutung hat. Durch die mehrfachen Umwandlungen ist sie zu einem “Gebäude des menschlichen Erbes” geworden, denn das Gebäude gehört nicht mehr einer bestimmten Kultur, sondern vielen Kulturen an. Die Hagia Sophia hat den religiösen, nationalen und archäologischen Charakter überwunden und repräsentiert somit ein breites Spektrum der heutigen menschlichen Gesellschaft.

Warum sollte man also nicht auch die Vision entwickeln, dass in diesem Gebäude Muslime und Christen ihre religiösen Feiern abhalten könnten, nicht zur gleichen Zeit, aber im selben Gebäude?

Eine Vision, die der schöne albanische Film von 2018 “Ein Licht zwischen den Wolken” behandelt. Der Film erzählt die Geschichte, wie in den Bergen
in einem Dorf die Moschee restauriert wird. Dabei findet man an der Wand ein christliches Gemälde unter dem Gips. Das heißt, dass die Moschee vor dem Osmanischen Reich eine Kirche war. Das führt im Dorf zum Konflikt zwischen der muslimischen und christlichen Gemeinde. Am Ende nutzen aber beide Gemeinden abwechselnd das Gebäude als Gotteshaus. In Berlin wird diese Vision in einem neu entstehenden Gebäude gerade Wirklichkeit: Dort wird auf dem Fundament einer zerstörten mittelalterlichen Kirche „etwas weltweit Einmaliges geschaffen: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam ein Haus, unter dessen Dach sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee befinden. Ein Haus des Gebets und der interdisziplinären Lehre. Ein Haus der Begegnung, für ein Kennenlernen und den Austausch von Menschen unterschiedlicher Religionen. Ein Haus auch für die, die den Religionen fernstehen”, so beschreibt die Stiftung des Hauses seine Intention. (https://house-of-one.org/de)

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Foto: tünews INTERNATIONAL; Youssef Kanjou.

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