Zugvögel: Milliarden Migranten ohne Pass

Von Michael Seifert

Vögel, die wir den ganzen Winter über nicht gesehen haben, sind seit ein paar Wochen wieder da: allen voran die Schwalben, aber auch Grasmücken, der Kuckuck mit seinem charakteristischen Ruf oder Störche. Vögel sind unter allen Lebewesen auf der Erde die aktivsten Migranten – und sie brauchen keinen Pass.

Jährlich sind nach Schätzungen weltweit rund 50 Milliarden Vögel unterwegs, das sind ein Viertel bis ein Sechstel aller Vögel. Das Phänomen, das dafür verantwortlich ist, heißt Vogelzug. Doch was ist das genau? „Wir verstehen darunter das Abwandern unserer Frühlingsboten und Sommergäste wie z.B. der meisten Stare und fast aller Schwalben auf ihrem Herbstzug in ihre Winterquartiere und das Zurückwandern in die Brutgebiete auf dem Frühjahrszug,“ schreibt der Vogelkundler Peter Berthold, der als wichtigster deutscher Experte gilt.

Die Weltrekordhalter unter den Zugvögeln sind die Küstenseeschwalben: sie brüten in der Arktis und überwintern in antarktischen Regionen. Sie sind die Lebewesen mit der höchsten Zahl an Sonnenstunden, denn wenn sie am Ziel sind geht die Sonne praktisch nicht mehr unter. Sie legen 40 000 bis 80 000 km im Jahr zurück, weil sie auch Umwege fliegen. Bei einer Lebensdauer von 30 Jahren kommen sie auf bis zu 2,4 Millionen km, das ist viermal bis zum Mond und zurück. Andere Arten schaffen Nonstop-Flugleistungen bei Ozean- und Wüstenüberquerungen von bis zu 5000 bis 7000 km bei 100 Stunden Flugzeit. In der Regel verläuft der Vogelzug aber viel langsamer: mindestens 50 km pro Tag sind die Vögel unterwegs.

 

Weltrekordler unter den Zugvögeln: die Küstenseeschwalben. Foto: Michael Seifert.

Peter Berthold beschreibt den typischen Ablauf des Vogelzugs am Beispiel der Grasmücke: diese Art zieht aus Mitteleuropa in ihr Winterquartier im südlichen Afrika. Der junge Vogel wird nach wenigen Wochen von den Eltern verlassen und hat dann keinen Kontakt mehr zu Geschwistern und anderen Artgenossen. Automatisch bereitet der Vogel seine weite Reise auf der Grundlage genetisch vererbter Programme auf den Wegzug vor. Das heißt erstmal vermehrte Nahrungsaufnahme durch Fressen und Fettbildung, denn die Energie für den langen Flug kommt aus der Fettverbrennung. Das Körpergewicht wird durch Fettdepots und Muskelwachstum verdoppelt.

Auch der Tag des Aufbruchs ist genetisch festgelegt. Geflogen wird nachts, obwohl Grasmücken eigentlich tagaktiv sind: Das ist sicherer und spart Zeit und Energie. Zur Orientierung der Reise ins Unbekannte dienen „interne Kompasse“. Diese richten sich nach dem Erdmagnetfeld, Sternbildern und dem Sonnenstand beim Abflug.

 

Küstenseeschwalben reisen jährlich 40 000 bis 80 000 km. Hier in ihrem Brutgebiet in Island. Foto: Michael Seifert.

Tagsüber rasten die Vögel und gehen auf Nahrungssuche nach Beeren und Insekten. Anfangs machen sie nur kurze Etappen und ruhen sich mehrere Tage aus, da die Fettreserven noch nicht groß genug sind. Längere Etappen gibt es beim Überqueren des Mittelmeeres und der Sahara. Auf dieses Weise erreichen die Neulinge „quasi automatisch“ das Gebiet, in dem ihre Artgenossen schon lange überwintern. Der gesamte Flug dauert drei bis fünf Monate. Der Rückflug in die „Heimat“, dort wo die Vögel geboren sind und wo sie selbst dann wieder brüten, ist dann um ein Drittel kürzer. Die Fakten sind entnommen aus: Peter Berthold: Vogelzug. Eine aktuelle Gesamtübersicht. 2008.

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Weißstörche ziehen im Winter nach Afrika südlich der Sahara. Sie waren lange vom Aussterben bedroht, inzwischen ist ihr Bestand aber wieder angestiegen auf weltweit über 200 000. Foto: Michael Seifert.

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