Zwischen den Kulturen: Eine griechische Münze aus dem Hindukusch

Von Stefan Krmnicek

In unserer Serie zu antiken Münzen soll heute eine antike Münze des indo-griechischen Königs Menander I. aus der Münzsammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Tübingen näher vorgestellt werden.

Die Münze ist eine sogenannte Drachme, eine Münze aus Silber mit einem Durchmesser von 17 mm und 2,41 g schwer. Auf der Vorderseite sehen wir die drapierte Büste eines Mannes, der nach rechts im Profil dargestellt ist und im Haar eine breite Binde, ein sogenanntes Diadem, trägt. Zwei lange Bänder hängen von dem Diadem bis an den Rücken herunter. Ein Diadem war nicht bloß ein adretter Kopfschmuck, sondern galt in der hellenistischen Zeit (ca. 336-30 v. Chr.) als das Symbol der Könige. Die Umschrift BAΣIΛEΩΣ ΣΩTHPOΣ MENANΔPOY ist in altgriechischer Sprache und erklärt, dass es sich hier um eine Prägung des „Königs und Retters Menander“ handelt. Auf den ersten Blick würde man die Münze sofort als eine antike griechische Prägung ansprechen: Der König trägt ein Diadem als Zeichen seiner Macht, die Umschrift nennt den Herrscher in griechischer Schrift und der König hat einen griechischen Namen. Trotz des rein griechischen Erscheinungsbildes wurde die Münze jedoch nicht im Mittelmeerraum geprägt, sondern 5.000 km weiter östlich, im Gebiet zwischen Hindukusch und Industal. Damit ist die Münze eine besondere Quelle für die Kulturgeschichte der hellenistischen Epoche in Zentral- und Südasien.

Vorderseite einer Silbermünze des indo-griechischen Königs Menander I., Tüb. Inv. Slg. Hommel 2335 (Inv. neu). Foto: Stefan Krmnicek, Universität Tübingen.

Bereits seit dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. bestand auf dem Gebiet des heutigen nördlichen Afghanistans ein griechisches Königreich. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. konnte der Machtbereich bis in das Industal ausgedehnt werden, bis die griechischen Herrschaftsgebiete gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. im Sturm der Reiter- und Nomadenvölker Zentralasiens endgültig untergingen. Die Münzen stellen für die Erforschung der hellenistischen Könige dieser Zeit eine Quellengattung ersten Ranges dar, da die schriftlichen und materiellen Quellen zur Ereignisgeschichte der Region sehr dürftig sind. Manche Herrscher sind überhaupt nur durch ihre Nennung auf den Münzen bekannt. Zum Leben des auf unserer Münze abgebildeten Menander I. finden sich sogar Hinweise bei den griechischen Geschichtsschreibern und Geographen Strabon und Plutarch. So wissen wir, dass Menander I. ein bedeutender griechischer König war, der um 160-130 v. Chr. ein großes Gebiet erobert hatte, das sich südlich vom Hindukusch bis in das heutige Nordwestindien erstreckte. Eine weitere interessante Quelle für die Regentschaft von Menander I. ist der Fund einer seiner Münzen in der zweitältesten Bauphase in einem buddhistischen Heiligtum. Der Fund beweist, dass der griechische Herrscher offensichtlich die lokale Tradition und Religion respektierte und förderte.

Rückseite einer Silbermünze des indo-griechischen Königs Menander I., Tüb. Inv. Slg. Hommel 2335 (Inv. neu). Foto: Stefan Krmnicek, Universität Tübingen.

Die Rückseite unserer Münze unterstreicht diese Beobachtung. Wir sehen die griechische Göttin Athena mit Helm nach links stehen. In der erhobenen rechten Hand hält sie ein Blitzbündel, in der Linken hat sie den Schild emporgezogen. Sofort würde man dieses Bild als eine typische und nicht weiter ungewöhnliche griechische Münze der hellenistischen Epoche ansprechen. Allerdings wurde die Umschrift auf der Rückseite nicht in altgriechischen Buchstaben geschrieben, sondern in Kharosthi, einer antiken lokalen Schrift des östlichen Afghanistans und nördlichen Pakistans. Die Umschrift gibt den Wortlaut der Vorderseite in Kharosthi wieder, also „König und Retter Menander“. Die Berücksichtigung von beiden Sprachen und Schriftsystemen – von der griechisch-hellenistischen Elite und der lokalen Bevölkerung – auf dem offiziellen Medium Münze zeigt, wie heterogen und multikulturell die Bevölkerung im Herrschaftsgebiet von Menander I. war. Solche zweisprachigen Münzen sind einzigartig in der Antike. Sie führen uns allerdings eindrücklich vor Augen, wie Geld an der Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Kulturen eine integrative Kraft ausübte.

Wer mehr Interesse an solchen spannenden Erzählungen hat, kann antike Münzen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan im Museum Alte Kulturen der Universität Tübingen auf Schloss Hohentübingen besichtigen. Die vorliegende Münze ist auch in Zeiten von Corona und geschlossenen Museen bzw. für alle Interessierte außerhalb Tübingens kostenfrei unter https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?id=ID1740 im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie virtuell zu bewundern.

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Rückseite einer Silbermünze des indo-griechischen Königs Menander I., Tüb. Inv. Slg. Hommel 2335 (Inv. neu). Foto: Stefan Krmnicek, Universität Tübingen.

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