Das Zusammenleben von Mensch und Tier führte zu den ersten Epidemien in der Antike

Von Youssef Kanjou

Epidemien sind heutzutage Gesprächsthema von Menschen auf der ganzen Welt. Eine interessante Frage ist, wann und wie sie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind.

Es gibt keine archäologischen und anthropologischen Beweise für Epidemien in der Zeit, als die Menschen mit der Besiedlung der Erde begannen. Erst sehr viel später gab es seltene Anzeichen dafür, die Archäologen in Knochenresten fanden.

Als die Menschen auf der Jagd und beim Sammeln waren, lebten sie in kleinen Gruppen, die von einem Ort zum anderen zogen. Der Hund war das einzige Tier, das direkt neben ihnen lebte. In dieser Phase waren die Menschen gesund, da sie eine ausgewogene Ernährung hatten, die reich an Proteinen und Ballaststoffen, aber arm an Kohlenhydraten und Fett war. In dieser Zeit konnten Infektionskrankheiten kaum in weit entfernte Gebiete übertragen werden. Aufgrund der räumlichen Trennung zwischen den menschlichen Gruppen gab es kein Risiko für eine Epidemie.

Anthropologen haben die ersten Anzeichen für Epidemien in der so genannten „Neolithischen Revolution“ im neunten Jahrtausend vor Christus identifiziert, als die Menschen in der mesopotamischen Region mit Landwirtschaft und Viehzucht begannen. In dieser wichtigen Phase der Menschheitsgeschichte haben sich neue kulturelle Entwicklungen herausgebildet, etwa in der Architektur, den Künsten und in der Religion. So wurden ersten Dörfer besiedelt und große Gruppen von Menschen lebten nun dauerhaft nahe beieinander.

Neben der Umstellung der Ernährung auf landwirtschaftliche Produkte, die Krankheiten verursachten, lebten inzwischen auch gezähmte Nutztiere Seite an Seite mit den Menschen. Diese intensive Beziehung zwischen den Menschen selbst einerseits und mit den Tieren andererseits hat zum Entstehen vieler Krankheiten geführt, die die Menschen bisher nicht kannten. Dies wurde beim Anstieg der Kindersterblichkeit deutlich: 30% der Bevölkerung starb schon im Kindesalter. Es ist damals möglich geworden, dass Infektionskrankheiten vom Tier auf den Menschen übertragen wurden – wie zum Beispiel schon sehr früh die Masern, die zunächst Rinder befallen hatten. Hier begann auch die Verbindungen zwischen Menschen über große Entfernungen, sei es durch Handel, Reisen oder Wanderungen.

Allerdings konnten nur Hinweise auf Krankheiten entdeckt werden, die das Knochenskelett zum Beispiel die Zähne befallen haben, während Krankheiten etwa am Herz oder im Blut aufgrund fehlender archäologischer Beweise nicht identifiziert werden können. Aber aus den Knochenfunden lässt sich das Alter beim Tod bestimmen. Deshalb kann man durch den Prozentsatz der Toten im jungen Alter Aussagen über den Gesundheitszustand von Menschen machen. Beispiele für Infektionskrankheiten, die in der Antike das Skelett befallen konnten, sind Syphilis, Tuberkulose und Lepra. Der älteste Fall von Tuberkulose wurde in einer syrischen archäologischen Stätte am Euphrat in der Jungsteinzeit um das siebte Jahrtausend vor Christus gefunden.

Vor etwa 5.000 Jahren löschte eine Epidemie ein Dorf in China aus. Archäologen entdeckten Skelette in einem niedergebrannten Haus. Die Epidemie scheint alle Altersgruppen betroffen zu haben, Kinder, Jugendliche und Menschen mittleren Alters. Dieser Ort heißt jetzt Hamin Mangha und ist eine der am besten erhaltensten prähistorischen Stätten im Nordosten Chinas. Eine archäologische und anthropologische Studie weist darauf hin, dass die Epidemie so schnell vor sich ging, dass keine Zeit für ein ordentliches Begräbnis blieb. Die Siedlung lebte nach der Epidemie nicht wieder auf.

Es scheint, dass die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren als Ursachen für Infektionskrankheiten und Epidemien seit der Antike besteht. Ursachen können heute die moderne Massentierhaltung, der Handel mit Wildtieren oder das Entweichen von Viren aus wissenschaftlichen Laboren sein. Ein Ende ist nicht abzusehen, da das Zusammenleben immer enger und globaler wird. Die aktuelle Corona-Epidemie ist ein neuer Höhepunkt in dieser Entwicklung.

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Foto: Youssef Kanjou; aus Skelettüberresten können Anthropologen Krankheiten in der Antike nachweisen: Hier die Kiefer von zwei Personen, die in der Jungsteinzeit vor 11.000 Jahren in Tall Qaramel, nördlich von Aleppo, Syrien, lebten.

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