Kultur aus syrischen Städten: Deutsche Museen zeigen historische Räume

Von Abdul Baset Kannawi und Youssef Kanjou
Die beiden Redaktionsmitglieder und syrischen Archäologen berichten hier über zwei prachtvolle historische Räume in deutschen Museen. Beide dienten reichen syrischen Kaufleuten in den Städten Damaskus und Aleppo als Empfangsräume.
Seit September 2022 ist das Damaskus-Zimmer nach 25 Jahren Restaurierungstätigkeit im Museum für Völkerkunde in Dresden für die Öffentlichkeit zugänglich. Es ist nicht genau bekannt, wann dieser Prunkraum geschaffen wurde, man vermutet um das Jahr 1810. Denn dieses Datum steht am Ende eines berühmten Gedichts von Imam Al-Ghazali, das in eine der Wände des Raumes eingraviert wurde. Es beginnt so: „Die Not hat die Herzen vernichtet, mein Herr, darum bring eilig Erleichterung.“
Das Damaskus-Zimmer hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es wurde neunzig Jahre in Syrien als Empfangsraum in der Altstadt von Damaskus genutzt. 1899 kaufte es der deutsche Sammler Karl Ernst Osthaus und ließ es nach Deutschland bringen. Als sich seine Interessen der modernen Kunst und Technik zuwandten, wurde der Saal nicht mehr ausgestellt, sondern in Hagen (Nordrhein-Westfalen) eingelagert. Nach dem Tod des Sammlers wurde der Raum 1930 dem Museum für Völkerkunde in Dresden geschenkt. Bis zum Beginn der Restaurierungsarbeiten 1997 verblieb das Zimmer in den Depots des Museums. An der Restaurierung waren 22 RestauratorInnen auch aus Syrien beteiligt.
Das Damaskus-Zimmer gilt als Meisterwerk syrischer Dekorationskunst und ist als eines von wenigen als Gesamtzimmer mit allen grundlegenden dekorativen Elementen ohne Veränderung erhalten. Das Zimmer ist 4,5 Meter lang, 4 Meter breit und 5,4 Meter hoch. Zwei Drittel der Wandhöhe sind mit farbigen Holztäfelungen und Inschriften bedeckt, Dafür wurde hauptsächlich einheimisches Pappelholz verwendet. Besonders hervorzuheben sind zwei Maschrabiyya, dekorative Holzgitter der traditionellen islamischen Architektur, die als Gitterschranken in Moscheen, als Fenstergitter oder Balkonverkleidungen in Wohnhäusern und Palästen zum Einsatz kamen. Die Dekorationen sind dem Rokoko-Stil zuzuordnen und enthalten unzählige Details: Blumensträuße, stilisierte Stadtlandschaften, Schalen mit unterschiedlichsten Früchten und traditionelle bunte geometrische Motive in Gold, Rot, Orangerot und glänzendem Metallic-Schwarz. All dies vermischt sich zu einem Gesamtbild, das die Meisterschaft der Künstler und Handwerker und den Luxus und Reichtum des Besitzers anzeigen sollte.
Das Aleppo-Zimmer befindet sich schon seit 1912 in Berlin im heutigen Museum für Islamische Kunst, für das es der Kunsthistoriker und Sammler Friedrich Sarre in Syrien kaufte. Es wurde im um 1600 auf Wunsch eines wohlhabenden aleppinischen Kaufmanns namens Issa Ibn Boutros von dem Künstler Halab Shah Bin Issa eingerichtet. Das Aleppo-Zimmer ist typisch für den architektonischen Stil arabischer Häuser dieser Zeit, die über einen Empfangsraum für Kunden und Gäste verfügen müssen, der dem sozialen Status des Hausbesitzers entspricht. Nach Ansicht des Museums ist die Wandgestaltung des Zimmers die älteste bekannte ihrer Art, wie sie nur in der Handelsstadt Aleppo entstehen konnte.
Gemälde auf Holz schmücken alle Wände dieses Raumes. Die Farben wurden in mehreren Schichten aufgebracht, ein Stil, der in dieser Zeit üblich war. Die künstlerischen Themen behandeln eine Vielzahl kultureller Phänomene. So gibt es etwa fünfhundert dekorative Elemente mit religiösen, sozialen, literarischen und politischen Themen. Aus religiöser Sicht finden wir hauptsächlich Szenen aus dem christlichen Glauben, da der Besitzer des Hauses Christ war. Zum Beispiel sind die Darstellungen des letzten Abendmahls von Jesus, der Maria mit dem Jesuskind oder des heiligen Georg zu sehen. Umrahmt wird dies von der osmanischen islamischen Kunst, die sich hauptsächlich auf pflanzliche und geometrische Motive stützt. Dem Künstler war es auch wichtig, gemeinsame Phänomene des christlichen und islamischen Glaubens darzustellen, die im Koran und im Neuen und Alten Testament erwähnt werden, wie zum Beispiel die Opferszene von Abraham und Isaak. Daneben gibt es auch eine Reihe von Inschriften in arabischer Sprache zu Themen der Lebensführung in der arabischen und persischen Kultur wie zum Beispiel: „Das Heil des Menschen liegt im Hüten der Zunge“ oder „Selbstgefälligkeit ist ein Hinweis auf die Schwäche des Geistes.“ Das Aleppo-Zimmer ist Ausdruck der lokalen Kultur, die in der Stadt Aleppo von freundlicher Koexistenz und Toleranz zwischen verschiedenen Religionen, Sekten und Ethnien mit christlichem, jüdischem oder islamischem, arabischem oder persischem Hintergrund geprägt ist. Das charakterisiert auch die soziale und wirtschaftliche Kommunikation zwischen diesen Gruppierungen.

 

Der Krieg in Syrien führte zur Zerstörung und zum Diebstahl eines großen Teils dieser Art von Kunst, die traditionelle Häuser in Aleppo und Damaskus schmückte. Zum Glück gibt es aber eine Reihe solcher Räume noch in Museen in Syrien (Aleppo und Damaskus) und der ganzen Welt, nicht nur in Berlin und Dresden, sondern beispielsweise auch im Metropolitan Museum of Art in New York.
Das Aleppo-Zimmer in Berlin und das Damaskus-Zimmer in Dresden haben viele syrische Geflüchtete in deutsche Museen gelockt. Dies hat auch dazu geführt, dass sich unter den Geflüchteten das Gefühl gebildet hat, dass sie hier nicht allein sind, sondern dass schon vor ihnen auch ein Teil des Erbes ihrer Vorfahren nach Deutschland gekommen ist.
Beide Museen sehen die syrischen Räume und ihre Vorräume nicht nur als Ausstellungsräume, sie sollen auch als Orte der Begegnung von Menschen, für Veranstaltungen und als „Ort der Gastfreundschaft“ genutzt werden können und damit ihrer ursprünglichen Bestimmung in Syrien wieder nahekommen.
Mehr zu den beiden syrischen Zimmern unter:
Die Restaurierung des Dresdner Damaskuszimmers im Japanischen Palais – YouTube
Dresden: Wie das Damaskuszimmer aus dem Depot gerettet wurde | MDR.DE
The Aleppo Room: Magnificent murals – DW – 06/17/2019
Discover Islamic Art: The Aleppo Room Museum of Islamic Art at State Museums Berlin – YouTube

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www.tuenews.de

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Aleppo-Zimmer im Museum für Islamische Kunst, Berlin. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Georg Niedermeiser.

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