Die ersten Schulen der Welt gab es im Irak

Von Michael Seifert
„Ein Haus, das jemand wie eine Schatzkiste mit einem Leintuch bedeckt hat. … Geschlossenen Auges trat einer ein, geöffneten Auges kam er wieder heraus. Des Rätsels Lösung: die Schule.“ Ein berühmtes babylonisches fast 4000 Jahre altes Rätsel zeigt, dass es zu dieser Zeit in Mesopotamien, dem Zweistromland von Euphrat und Tigris auf dem Gebiet des heutigen Irak bereits Schulen gab. Dies waren die ältesten Schulen, über die man durch schriftliche Überlieferung etwas weiß. Unter anderem darüber forscht Konrad Volk, emeritierter Professor für Altorientalische Philologie an der Universität Tübingen, mit dem tünews INTERNATIONAL sprach.
Gelehrt wurde an diesen babylonischen Schulen das Schreiben mit Keilschrift in der in dieser Zeit schon ausgestorbenen sumerischen Sprache. „Diese tote Sprache war die Sprache der kulturellen Tradition, in der sich die Babylonier bis zur Zeitenwende um die Geburt von Christus sahen.“ Man könne das mit der Funktion des Lateinischen für die katholische Kirche durch das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit vergleichen. Auch an den europäischen Universitäten wurde seit dem Mittelalter die „tote“ Sprache der Gelehrten, das Lateinische, gelehrt, gesprochen und geschrieben. Und dieses Latein wird bis heute als „Fremdsprache“ an deutschen Gymnasien gelehrt.
Wie es an den babylonischen Schulen zuging, wissen wir aus Texten von vor 3800 Jahren. Konrad Volk verweist auf den „satirischen Dialog“ über die Erfahrungen eines Schülers. Vieles darin kommt einem aus heutiger Zeit vertraut vor bis hin zum „Pausenbrot“, das die Mutter dem Schüler mit in die Schule gibt. Die Rede ist auch von Hausaufgaben, von Mathematikunterricht mit „Lösungen von Rechentafeln mit Kalkulations- und Bilanzierungsaufgaben“. Der Schüler wird vom Lehrer getadelt: „Deine Handschrift ist miserabel!“ Streng sind auch die Verhaltensregeln, über die der Schüler spricht: „Ich darf nicht zu spät kommen“ oder „bei keiner Angelegenheit erhob ich meine Stimme ungefragt“. Man darf auch nicht ohne Erlaubnis aufstehen oder hinausgehen. Auch ist es verboten, in der Muttersprache, dem Babylonischen, zu sprechen, statt in der toten sumerischen Sprache. Der Schüler benennt auch Sanktionen gegen Verstöße: „Da schlug er (der Lehrer) mich …“ Beim Schüler führt das zur Ablehnung der Schule: „Die Schreibkunst begann ich zu hassen.“ Eine Problemlösung kann in der Bestechung des Lehrers durch eine von den Eltern ausgesprochene Einladung zu einem großen Abendessen bestehen: „Premium-Bier schenkte man ihm dort ein.“ Das Ergebnis: „Der Meister stellte ihm so ein günstiges Zeugnis aus.“
Als Hintergrund für die Gründung von „Schulen“ nennt Konrad Volk die Ausbildung zum Schreiber: „Das war ein extrem wichtiger und angesehener Beruf. Triebfeder für die Entwicklung der Schrift war die Bevölkerungsentwicklung in Städten, deren Versorgung durch eine straff organisierte Verwaltung sichergestellt werden musste. Allein für die Stadt Uruk geht man in der Zeit von etwa 3100 bis 2900 von wenigstens 20.000 Menschen aus, die auf 400 Hektar ummauerter Fläche siedelten. Es wurde alles dokumentiert, von Wirtschaftsverträgen bis zu Lohnabrechnungen und schließlich literarischen Texten. Dafür gab es Tausende von Schreibern. Zu manchen Zeiten wurden auch Schreiber aus dem Ausland angeworben.“ Überliefert sind Unterrichtsmaterialien etwa in Form von zweisprachigen Wörterbüchern Sumerisch-Altbabylonisch. „Auch Sprachwissenschaft und Grammatik entwickelten sich schon in dieser Zeit. Die Zerlegung und Atomisierung von Sprache in ihre kleinsten Teile erfolgte wie in der modernen Linguistik, um Sprache und Schrift besser lehren zu können.“ Volk ist sich sicher, dass es auch in sumerischer Zeit, also im ausgehenden vierten Jahrtausend vor Christus schon Schulen gab, da schon aus dieser Zeit Wortlisten existieren.
In einem weiteren „Dialog zwischen Schulaufseher und Schulabsolvent“ in sumerischer Sprache geht es um „die allzeit gültigen Handlungsmaximen der Schule“, so Volk. Demnach ist der Schüler „wie ein wiegendes Schilfrohr“ und wird vom Lehrer „in Arbeit gesetzt“, geleitet und erzogen. Der Schüler resümiert seine Schulerziehung: „Wie ein Welpe (ein bei Geburt blindes Hundejunges) war ich, längst habe ich die Augen geöffnet und habe deshalb als menschliches Wesen gehandelt.“

 

Auch zur Pädagogik gibt es Aussagen: Zunächst wird alles nur abgeschrieben, was der Lehrer perfekt vorsetzt: „Durch seinen Hinweis kann sogar ein Idiot verständig werden. Auf dem Ton führte er meine Hand, den rechten Weg ließ er mich ergreifen. Meinen Mund öffnete er für geeignete Worte, klugen Rat fand er für mich. … Seit ich klein war, hast du mich geprüft, meinen Lebenswandel genau beobachtet, hast ihn wie schönes Silber geläutert.“ Abschließend zollt der Lehrer seinem nun ehemaligen Schüler Respekt: „Die Meister, die alles wissen, sollen einen wie dich hoch schätzen! Junge, der du bei meinen Worten lauschend dasaßest, du hast mein Herz erfreut. …Man soll erkennen, dass du ein verständiger Mensch bist.“
Volk erläutert, dass die Schule weit mehr war als eine reine Schreiberausbildung: „Es ging um ganzheitliche Bildung. Die Kinder haben sich mit literarischen Werken und Geschichte beschäftigt. Auch das berühmte Gilgamesch-Epos war wichtig für den Bildungshorizont. Letztlich ging es darum, die Augen für das Leben und die umgebende Welt zu öffnen.“
In einem Punkt war das babylonische Schulwesen deutlich fortschrittlicher als die ersten europäischen Schulen: „Zwar war der Schreiberberuf männlich dominiert, aber es wurden durchaus auch Mädchen zu Schreiberinnen ausgebildet.“

Die Texte, aus denen zitiert wurde, stammen aus der von Konrad Volk herausgegebenen Textsammlung „Erzählungen aus dem Land Sumer“ (Wiesbaden 2015). Darin finden sich literarische Texte mit Erläuterungen auch zu Schöpfungsmythen, Geburt und Wachsen des Menschen, den Herrscherdynastien, zu Krieg und Frieden sowie Leben und Tod.

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Altbabylonische Tontafel in sumerischer Schrift, in der es um einen Streit zwischen zwei Schreibern geht, aus den Beständen des British Museum London. Foto: © The Trustees of the British Museum.

 

 

 

 

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