Der Ukraine-Krieg verschärft die Not in Syrien

Von Ute Kaiser und Lobna Alhindi

Ein Mann fleht Kunden einer Bäckerei in Damaskus um einen Brocken Brot an. Seine ordentliche Kleidung deutet darauf hin, dass es im früher einmal besser ging. Eine alleinstehende Mutter von vier Kindern in einem Flüchtlingscamp im Norden der Provinz Aleppo sucht in Müllbehältern nach Essensresten. Wie andere Eltern verzichtet auch sie oft auf eine Mahlzeit. Für ihre Kinder soll es mehr geben.
Hilfsorganisationen wie die „Aktion gegen den Hunger“, das World Food Programm (WFP) oder die Welthungerhilfe schlagen angesichts der humanitären Katastrophe in Syrien Alarm. Ihre Bilanz nach elf Jahren Krieg, Gewalt und Zerstörung ist düster. Das Welternährungsprogramm WFP berichtet aktuell von rund 12,4 Millionen SyrerInnen, die Hunger leiden. Das sind etwa 60 Prozent der Bevölkerung. Die „Aktion gegen den Hunger“ gibt an, dass mehr als 90 Prozent der Menschen in Syrien in Armut leben.
Es gibt außer dem Krieg vielfältige Gründe für das Leid im Land. Einer davon ist die Dürre wie in einigen Provinzen Afghanistans. Die Weizenernte in Syrien soll nach Schätzungen des WFP in diesem Jahr weniger als die Hälfte der Ernte von 2021 betragen. Zum Vergleich: Das wäre nur ein Viertel der durchschnittlichen Erträge der Ernten vor dem Krieg.
Die Wirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit und die enorme Inflation verstärken die Not der außerdem von Corona geplagten Bevölkerung. „Lebensnotwendige Güter wie Wasser, Lebensmittel, Kraftstoff und Strom sind so teuer geworden, dass die Haushalte im Durchschnitt 50 Prozent mehr als ihr Einkommen ausgeben müssen, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen“, so Jan Sebastian Friedrich-Rust, der Geschäftsführer der „Aktion gegen den Hunger“.
tünews INTERNATIONAL hat vor Ort nachgefragt. Eine Familie, die in Al Raqqa lebt, hat eine Liste mit Preisen von 2020 und heute für handelsübliche Mengen zusammengestellt: Öl hat sich von 500 auf 10.000 syrische Pfund verteuert, Mehl von 150 auf 2.300, Zucker von 1.000 auf 4.500, Reis von 200 auf 3.000, Fladenbrot von 125 auf 1.200. Fleisch ist ein Luxusgut. Sein Preis stieg von 3.000 auf 16.000. Aber auch Gemüse können sich viele Familien kaum noch leisten. Für Auberginen werden jetzt 4.500 statt 150 Pfund verlangt, für Zucchini 3.000 statt 100 und für Tomaten 2.500 statt 300. Selbst einfache Medikamente belasten die Haushaltskasse enorm. Paracetamol kostet jetzt 1.500 statt 500 Pfund, Hustensaft 4.000 statt 600 und Antibiotika 6.000 statt 600. Diese Preise von Anfang April sind nur grobe Richtwerte. Sie steigen ständig.
Der Krieg in der Ukraine verschärft die Krise zusätzlich. Russland und die Ukraine waren die wichtigsten Exporteure für Getreide in den Nahen Osten. Lieferengpässe treiben auch dort die Preise für Mehl und Brot weiter hoch. „Die Mehrheit der SyrerInnen weiß nicht mehr, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen wird“, heißt es auf der Seite der WFP. Eine WFP-Umfrage ergab, dass Familien sich gezwungen sehen, statt drei Mal nur noch zwei Mal am Tag zu essen. Die Umfrage ergab auch, dass immer mehr Menschen Eigentum verkaufen müssen, um Nahrungsmittel bezahlen zu können.
Von der Wirtschaftskrise wie vom Krieg in der Ukraine sind auch die rund anderthalb Millionen in den Libanon geflüchteten SyrerInnen betroffen. Ein Vergleich zwischen heute und 2019: Damals waren im Libanon viele Lebensmittel wie Mehl, Reis, Zucker, Hülsenfrüchte, Öl, Milch für Babys und einige Medikamente staatlich subventioniert. Eine fünfköpfige Familie Geflüchteter bekam 2019 von der Uno 125 Dollar im Monat. Damit konnte sie ihren Monatsbedarf an subventionierten Lebensmitteln decken, berichtet eine Familie vor Ort.
In diesem Jahr bekommt jeder erwachsene Geflüchtete im Libanon von der Uno 300.000 libanesische Pfund (LBP) im Monat, das sind etwa 13 Dollar. Ein Bündel Fladenbrot kostet aktuell 10.000 LBP.
Die libanesische Währung hat seit 2020 rund 90 Prozent ihres Werts verloren. Vieles ist heute unbezahlbar. Ein Kilo Fleisch wird momentan für 300.000 Pfund verkauft – also für das gesamte Monatsgeld eines Erwachsenen. Bei anderen Notwendigkeiten muss eine Familie zusammenlegen. Eine Flasche Gas zum Kochen, die etwa zwei Wochen reicht, kostet aktuell 420.000 LBP.
Ein in den Libanon geflüchteter Mensch bekam 2019 für Vollzeitarbeit rund 600 Dollar. Das waren damals etwa 900.000 LBP. Von diesem Geld ließ sich viel kaufen. Heute zahlt der Arbeitgeber eine Million Pfund, nach aktuellem inoffiziellem Wechselkurs nur 50 Dollar – und sagt, dass die Beschäftigten froh sein sollten, überhaupt eine Arbeit zu haben.
Siehe: https://de.wfp.org/krisen/syrien, https://www.aktiongegendenhunger.de/presse/elf-jahre-krieg-in-syrien und https://www.welthungerhilfe.de/winterhilfe-spenden/

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Damaskus. Foto: Arwa Abdulwahed.

 

 

 

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